Linguistik online  15, 3/03

Streiten im Chat

Martin Luginbühl (Zürich)



1 Fragestellung

Ausgangspunkt meiner Untersuchungen zum Thema Streiten im Chat ist die Frage, wie Kommunikationsteilnehmer/-innen unter den medialen Bedingungen des Chats die kommunikative Handlung Streiten bewältigen. Diese Frage interessiert mich im Hinblick auf verschiedene Aspekte:

  • Die Frage ist "gesprächs"analytisch interessant, weil viele Merkmale von Streit, wie sie von der linguistische Gesprächsanalyse eruiert wurden und ich sie noch kurz erläutern werde, im Chat nicht realisierbar sind (z.B. Unterbrechungen [1] oder Überlappungen, aber auch bestimmte Ausdrucksweisen auf para- und nonverbaler Ebene). Die Kommunikationsteilnehmer/-innen im Chat können hier also auf bestimmte, zentrale Muster der gesprochenen Kommunikation nicht zurückgreifen. Welche Konsequenzen hat dies für Streitsequenzen?
  • Ebenfalls von Interesse ist die Frage, in welchen Chats worüber gestritten wird und wie häufig dies vorkommt. Die vorliegende Analyse erlaubt keine repräsentativen Aussagen, gibt aber dennoch Hinweise zur Beantwortung dieser Frage.
  • Zudem ist bei einigen Streitsequenzen, bei denen z.B. jemand Beleidigungen und Beschimpfungen realisiert, auch die Frage nach der sozialen Kontrolle im Chat tangiert. Wie reagieren Chatter/-innen auf derartige Beiträge und wie gelingt es ihnen, unsoziales Verhalten zu unterbinden? (Vgl. dazu auch Döring 2001.)
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    2 Zum Terminus Streit

    Unter Streit verstehe ich nach Carmen Spiegel (1995: 17) eine verbale, kontroverse und unkooperative Austragungsform von Konflikt, die unter anderem durch Missachtung des Partnerimages gekennzeichnet ist. Zentral sind einerseits die Unkooperativität und andererseits die Verletzungen des Partnerimages. Ohne diese Merkmale würde man eher von einer dissenten Sequenz im Sinne von Gruber (1996) sprechen, in welcher konträre Standpunkte formuliert und anschließend ausgehandelt werden. Beim Streiten aber gerät der Beziehungsaspekt in den Vordergrund, wodurch das Verlieren bedrohlicher wird, weil im Streit die Identitäten ausgehandelt werden. Deshalb eskalieren derartige Kommunikationsereignisse auch rasch, weil bei einer Identitätsbedrohung die Emotionen intensiver werden. Die Positionen werden dann oft explizit und personenbezogen gestaltet (z.B. Vorwurf, Kritik, Beleidigung etc.), ohne dass die eigene Position weiter entfaltet werden kann. Neben derartigen eher inhaltlichen Aspekten zieht Streit - wie andere dissente Sequenzen - auch eine bestimmte Gesprächsorganisation nach sich, welche von Gruber Dissensorganisation genannt wird (Gruber 1996: 56). Diese ist etwa charakterisiert durch unkooperative Sprecherwechsel (DRP, disagreement relvant places, ebd.: 60), eine dissensorientierte Präferenzorganisation und mehr formale Kohäsion. Tritt nun im Streiten eine derartige Dissensorganisation gleichzeitig mit Emotionen auf, so droht die Kommunikation zusammenzubrechen.

    Streitsequenzen in mündlichen Gesprächen lassen sich in vier Phasen einteilen: Anlass, Eskalation, Beendigung und Nachverbrennung (dazu Gruber 1996 und Spiegel 1995).

    Den Anlass bildet ein Verstoß gegen den Gesprächskonsens, z.B. bezüglich der Ansichten über die Welt, die Rollenverteilung in der Kommunikation etc. Meist handelt es sich hier um Widersprüche und Vorwürfe (Gruber 1996: 83-90).

    Wird dieser Anlass von anderen Teilnehmern aufgegriffen und moniert, so liegt der Beginn einer dissenten Sequenz vor und es kann zu einer Eskalation und somit zum Streit kommen. Diese weist dann eine entsprechende Dissensorganisation auf (mit lautem Sprechen, Unterbrechungen etc.) und wird emotional geführt, indem z.B. mit negativ bewertenden Lexemen auf die Beziehungsebene übergegriffen wird.

    Eine Streitsequenz kann unterschiedlich beendet werden: Das Problem und somit der Konflikt können gelöst werden, das Thema und die Interaktionsmodalität können gewechselt werden, ohne den Konflikt zu bearbeiten, oder die Kommunikation kann abgebrochen werden. Deeskalierend wirken oft ruhiges Sprechen und Freundlichkeiten verschiedener Art (Spiegel 1995: 24-26).

    Unter Nachverbrennungen wird die Thematisierung von Imageverletzungen im Anschluss an den Hauptgesprächsstrang verstanden.

     

    3 Korpus

    Das hier untersuchte Korpus stammt aus dem "bluewin-chat".[2] Der "bluewin-chat" ist nicht nur der größte Chat der Schweiz, sondern auch einer der größten Chats im deutschsprachigen Raum. In den Kanälen des "bluewin-chat" lagen die Teilnehmerspitzen im Oktober 2002 durchschnittlich bei etwa 3800 Personen, im Janaur 2003 bei etwa 3200.[3]

    Das Korpus basiert auf Chat-Mitschnitten aus der Zeit vom 20. August 2002 bis zum 28. Oktober 2002; insgesamt wurden gut 27 Stunden Chat auf diversen Channels des "bluewin-chat" aufgezeichnet und analysiert. Die Aufzeichnungen wurden an 4 Tagen gemacht, und zwar jeweils zeitgleich in 4 bis 5 Channels. Aufgezeichnet wurde immer der thematisch nicht spezifizierte "Bluewin"-Channel, in dem sich immer sehr viele Chatter aufhielten. Zusätzlich wurden - mit Ausnahme des ersten Aufzeichnungstages - jeweils noch 3 bis 4 thematisch spezifizierte Channels aufgezeichnet. Dabei wurden Channels gewählt, in denen jeweils mehr als 20 Chatter/-innen eingeloggt waren. Dies waren: "Eishockey", "Fußball", "HipHop", "Metal" und in einem Fall "Punk". Die Datenerhebung erfolgte nonreaktiv mittels Verhaltensbeobachtung.

    Flirt-Channels habe ich nicht in die Analyse mit einbezogen, da ich hier aufgrund erster, allerdings nicht systematischer Beobachtungen keine Streitsequenzen beobachtet habe. Allerdings müsste man diese Channels bei einer weiteren Studie unbedingt mitberücksichtigen, da sich hier auch Konflikte ergeben, z.B. im Hinblick auf die Explizitheit der Formulierung sexueller Wünsche, aber auch im Hinblick auf Belästigungen etc. (dazu auch Dörig 2001). Ebenfalls unberücksichtigt blieben fremdsprachige Channels.

    Insgesamt ergab sich so ein Korpus von gut 260 Seiten Chatprotokollen.

     

    4 Analyse

    4.1 Häufigkeit der Streitsequenzen und Streitgegenstand

    Probleme - und dies ist eigentlich bereits ein erster Befund - ergaben sich hinsichtlich der Auffindung von Sequenzen, in denen gestritten wird. In der Sekundärliteratur wird zwar teilweise gesagt, man finde "ohne langes Suchen" "schwer erträgliche Beschimpfungen und Beleidigungen" in öffentlichen Chats (Döring 2001: 111). Im Schweizer "bluewin-chat" kann davon aber nicht die Rede sein. Ich habe in den analysierten Protokollen insgesamt 14 Sequenzen gefunden, welche Merkmale von Streitsequenzen aufweisen. Dabei handelt es sich um Sequenzen unterschiedlicher Länge. Sie umfassen manchmal nur 7 Äußerungen, in einem anderen Fällen über 100.

    Natürlich bezieht sich diese Zahl nur auf Streitsequenzen, die 'öffentlich', also nicht in Privaträumen zu beobachten waren. Vielleicht hat diese niedrige Fallzahl damit zu tun, dass eher in Privaträumen gestritten wird und nicht an der Öffentlichkeit. Ein Indiz hierfür ist die Tatsache, dass im thematisch nicht spezifizierten, aber meist sehr gut frequentierten "bluewinchat" keine einzige längere Streitsequenz vorliegt. Diese längeren Sequenzen finden sich alle in kleineren, also 'privateren' Channels wie eben "Eishockey" oder "HipHop".

    Worüber wird in den einzelnen Channels gestritten? Im Channel "bluewinchat" wird, wie erwähnt, kaum öffentlich gestritten. Zwar wird wiederholt von einigen Chattern beklagt, dass es in diesem Channel langweilig sei, was als indirekter Angriff interpretiert werden kann, aber meist ohne Reaktionen bleibt. Konflikte können in allen anderen Channels ausgelöst werden durch das Verhalten einzelner Chatter/-innen - wenn einzelne z.B. die anderen Chatter/-innen kollektiv beleidigen. In einem Fall führte auch die Wahl eines Nicks zu einer kurzen Streitsequenz [4] . Einen weiteren - erwartbaren - Streitanlass bilden bewertende Äußerungen einzelner Eishockeyclubs, Fußballclubs oder Musikstilrichtungen in den entsprechenden Channels. In je einem Fall leiteten Äußerungen über die Herkunft eines Chatters bzw. eine Äußerung über Ausländer eine Streitsequenz ein (beides im Channel "Eishockey").

    In der Chatiquette der bluewin-Channels wird das Streiten direkt thematisiert. So heißt es etwa unter dem Stichwort "Respekt" in einer Positivregel:

    Denk daran: Am anderen Ende der Leitung sitzt auch ein Mensch, keine Maschine! Geh darum mit jedem so um, dass Du ihr/ihm auch im wirklichen Leben noch in die Augen sehen kannst. Also so, wie Du selber gerne behandelt werden würdest. Zeige Respekt und dränge dich niemandem auf. Wenn dich jemand nicht respektiert, dann versuche einfach, ihn zu ignorieren, anstatt dich mit ihm zu streiten. [5]

    Ob in den Channels so wenig gestritten wird, weil sich die meisten an diese Regel halten, kann ich nicht beurteilen. Andere Regeln - etwa den Rat, die Frage "Will hier jemand mit mir chatten?" zu unterlassen - werden auf jeden Fall nicht befolgt. Interessant an der obigen Regel ist auf jeden Fall der Tipp, jemanden, der einen nicht respektiert, zu ignorieren. Vorgeschlagen wird eine negative Sanktion - wobei offen bleibt, ob hier eine soziale Sanktion gemeint ist (sich abwenden) oder eine technische (Ignore-Befehl).

    4.2 Streitanlass und Reaktionen

    Bei der Durchsicht meines Materials fällt zunächst einmal auf, dass es in der Tat eine ganze Reihe von Äußerungen gibt, die als Streitanlass geeignet wären, auf die aber nicht öffentlich reagiert wird.

    Zwei typische Beispiele sollen dies illustrieren:

    gatto: isch ja mega langwilig do! (Übersetzung: "Ist ja mega langweilig hier")(Channel "Bluewin" 20. 10. 02)
    SCB-Star: H C D S T I R B (Channel "Eishockey" 3. 10. 02)

    Beide Äußerungen blieben ohne öffentliche Reaktionen im Chat. Im Vergleich zu mündlichen Kommunikationssituationen ist dies doch recht erstaunlich. Würden SCB und HCD-Fans an einem Tisch sitzen und jemand würde die eben zitierte Äußerung realisieren, ist es kaum vorstellbar, dass darauf nicht reagiert wird. Allerdings ist das Nicht-Reagieren im Chat einfacher als in einer face-to-face-Situation. Aufgrund der Anonymität ist die Verpflichtung, kommunikative Verantwortung zu übernehmen - also z. B. relevante Äußerungen zu realisieren - kleiner. Zudem ist aufgrund des "Mühlen-Prinzips" (Wichter 1991: 78-79) ignorieren einfacher, da der Status einer (auf dem Bildschirm) nachfolgenden Äußerung nicht offensichtlich ist; es kann sich um eine bewusste Nicht-Reaktion handeln oder um eine Äußerung, die nur aus technischen Gründen erst nach der ersten Äußerung auf dem Bildschirm erscheint, aber eigentlich vor der ersten Äußerung abgeschickt wurde.

    Wie viele private Reaktionen dadurch hervorgerufen wurden, kann nicht eruriert werden. Allerdings weist ein Feldexperiment von Döring (2001), in dem öffentlich nach sexuellem Kontakt gesucht wurde, darauf hin, dass Reaktionen mit negativen sozialen Sanktionen überwiegend öffentlich realisiert werden. In Dörings Korpus waren über 70% der Reaktionen auf ihre Äußerung öffentlich.

    Dieses Fehlen von öffentlichen Reaktionen ist typisch für Äußerungen, die als Beleidigungen oder Angriffe interpretiert werden können, aber nicht direkt an jemanden gerichtet sind. Indirekte Angriffe führen in meinem Korpus nur dann zu Streitsequenzen, wenn sie wiederholt geäußert werden. Auf direkte Angriffe wird hingegen in der Regel reagiert. Das folgende Beispiel illustriert dies (Channel "Eishockey", 28. 10. 02; Auslassungen in eckigen Klammern []):

    benny (java@=ym40.138.186.195.dial.bluewin.ch) hat den Channel betreten
      [3 Äußerungen]
    benny ist jetzt bekannt als benny1
     

    [2 Äußerungen]

    benny1: he i schies uf eu alle ihr eishockey ("he, ich schiesse/scheisse auf euch alle ihr Eishockey") >
    Brian_Bonin_w: hou doch ab!!! ("hau doch ab!!!")
    schoggi-tiger: benny hou ab!!!!!!! ("benny hau ab!!!!!!!")
    benny1: h bas uf du ***** i bi geferlich für di ("h pass auf du ***** ich bin gefährlich für dich")
    Brian_Bonin_w: tz....
    Brian_Bonin_w: *laut lach*
    schoggi-tiger: ou du machsch mer angscht ("Ou du machst mir Angst")
      [3 Äußerungen]
    benny1: luget e biz und nomol öbis isch öbert vo widnau do den i has nur widnau eihockey ("Schaut ein bisschen und nochmals etwas ist jemand von Widnau hier denn ich hasse nur Widnau Eishockey")
      [3 Äußerungen]
    benny1: hent ihr gleset ("habt ihr gelesen")
      [1 Äußerung]
    benny1: arschlöcher
    Brian_Bonin_w: benny du geili sou!!! ("benny du geile sau!!!")
      [3 Äußerungen]
    schoggi-tiger: benny, häb dini sch**** F R à S S E!!! ("benny, halte deine sch**** F R E S S E!!!")
    Meitli_14ni: benny du cooli soumorä ("benny du cooler saumohr")
      [15 Äußerungen]
    benny1 hat IRC beendet (QUIT: User exited)

    "Benny1" gibt gleich in seiner ersten Äußerung seine Verachtung für die Eishockey-Fans zum Ausdruck, und zwar mit einer stark bewertenden Formulierung - wobei infolge des Dialektgebrauchs unklar bleibt, ob mit "schies" das Verb "schießen" oder "scheißen" gemeint ist. Mit dieser Formulierung werden die anwesenden Chatter/-innen direkt angesprochen. Diese beleidigende Äußerung evoziert starke Reaktionen von verschiedenen Chattern, die ebenfalls auf der Beziehungsebene einzuordnen sind und in vier Fällen durch Satzzeichenreduplikation Prosodie emulieren und so Emotionalität anzeigen.[6] Unklar bleibt die Bedeutung der Gefühlsäußerung *laut lach*. Diese Äußerung von "Brian_Bonin_w" kann als Auslachen interpretiert werden (Da kann ich nur laut lachen), aber auch eine Wendung ins Humoristisch-Spielerische anzeigen und könnte so eine Deeskalation einleiten. Darauf würde die nächste, in ihrer Bedeutung ebenfalls ambivalente Äußerung von "Brian_Bonin_w" hinweisen ("benny du geili sou!!!" "benny du geile sau!!!"). Überhaupt sind im Chat viele derbe Schlagabtausche mit Signalen durchsetzt, welche dazu dienen eine unernste Interaktionsmodalität abzusichern. Ich komme auf diesen Aspekt später noch zurück.

    Insgesamt aber hat "Benny1" mit seiner Äußerung überwiegend klar negative, emotionale Reaktionen evoziert. Auffallend ist, dass "Benny1" von anderen Chattern aus dem Channel verwiesen wird (ein derartiger Verweis entspricht in der Terminologie von Döring einer öffentlichen, sozialen Sanktionsmethode; Döring 2001: 125, 132) oder dass mit Spott und Beleidigungen reagiert wird.

    Neben diesen negativen Sanktionen der angegriffenen Chatter/-innen gibt es auch den Fall, wo ähnliche Äußerungen einen technischen Channel-Verweis durch den Operator zur Folge haben. Ich habe zwei Beispiele in einem Channel gefunden, wo ein Chatter bereits bei nicht direkt an andere Chatter/-innen formulierte potenzielle Angriffe aus dem Channel gekickt wird (beides: Channel "Fußball", 28.10.02):

    EHCBIEL: Bayern raus!!!!!
      [2 Äußerungen]
    ChanServ hat Ewok[LaCoruna-0-0-Bayern] geoppt
      [1 Äußerung]
    EHCBIEL wurde aus dem Channel von Ewok[LaCoruna-0-0-Bayern] geworfen (du au)
      (Übersetzung: "(du auch)")

     

    Italygirl: bayern?hahahahah
      [6 Äußerungen]
    ChanServ hat Ewok[LaCoruna-0-0-Bayern] geoppt
    Italygirl wurde aus dem Channel von Ewok[LaCoruna-0-0-Bayern] geworfen (bye! bitte nix
      gägä bayern! thx) ("(bye! bitte nichts gegen bayern! thx)")
    ChanServ hat Ewok[LaCoruna-0-0-Bayern] entoppt
    ChanServ hat Ewok[LaCoruna-0-0-Bayern] geoppt
    EHCBIEL wurde aus dem Channel von Ewok[LaCoruna-0-0-Bayern] geworfen (du dörfsch grad dusä
      bliebä!) ("(du darfst gleich draußen bleiben!)")
    Ewok[LaCoruna-0-0-Bayern] hat "EHCBIEL!*java@=OSuxbe-99-357-309-776.adslplus.ch" vom
      Channel verbannt

    In diesem Channel bzw. bei diesem Operator herrscht offensichtlich eine andere Norm als in den anderen von mir beobachteten Channels. Neben diesen zwei Sequenzen habe ich in diesem Channel keine Streitsequenzen oder streitähnlichen Sequenzen gefunden. Ob und wie gestritten wird, hängt somit stark von den Normen des jeweiligen Channels ab.

    Beim Beispiel mit "Benny1" habe ich darauf hingewiesen, dass sich die Chatter/-innen in Streitsequenzen sehr rasch direkt angreifen, sich direkt bewerten und beleidigen. Diese Beobachtung, dass in Streitsequenzen ohne lange Vorlaufszeit sehr rasch direkt den Chatpartner bzw. die -partnerin bewertende und beleidigende Äußerungen realisiert werden, ist typisch für die Streitsequenzen, die durch direkte Angriffe veranlasst werden.

    Zwei Beispiele mögen dies illustrieren. Das erste stammt aus dem Channel "Punk" vom 3.10.02:

    izan_raus (java@=2ldej-st-0-3-7-zdmfxi-38.freesurf.ch) hat den Channel betreten
    izan_raus: wir wollen keine ***** ihr *************
    izan_raus: wir wollen keine ***** ihr *************
    izan_raus: wir wollen keine ***** ihr *************
    izan_raus: wir wollen keine ***** ihr *************
    izan_raus: wir wollen keine ***** ihr *************
    izan_raus: wir wollen keine ***** ihr *************
    izan_raus: wir wollen keine ***** ihr *************
    izan_raus: wir wollen keine ***** ihr *************
    Defty: hmm...
    Defty: chli äs problem he? ("ein bisschen ein problem he?")
    izan_raus: dini muetter ("deine mutter")
    izan_raus: du wickser ("du wichser")
    zakumakura: rofl
    zakumakura: hehe
    Defty: aha
    zakumakura: na schau mal einer an
    zakumakura: ein kleingeist ^^
    Defty: bisch irgendwie chli huere schwul he ("bist irgendwie ein bisschen wahnsinnig schwul he")
    zakumakura: lolllllloooooooooooooooooooooooolllllllllll
    izan_raus: aber nöd so schwul wie du du hueresohn ("aber nicht so schwul wie du du hurensohn")
    punx: izan_raus bisch nüt besser aus e fascho ("bist nichts besseres als ein fascho")
    izan_raus: jaja du chasch mich emol ("jaja du kannst mich mal")
    punx: gang gschider ga faschos abemache ("gehe besser faschos runtermachen")
    izan_raus: hmmm
    punx: hmmm was?
    izan_raus: aber irgendwie han ich jetz luscht euch abe zmache ("aber irgendwie habe ich jetzt lust euch runterzumachen")
    zakumakura: hehe
    zakumakura: es gelingt dir aber nicht
    zakumakura: dafür musst du zuerst ernstgenommen werden

    Die Veranlassung für diese Sequenz ist sicherlich das flooden von "izan_raus", dessen Name ein Anagramm von "Nazi raus" ist. Unklar ist aber die Bedeutung seiner Äußerung. Normalerweise werden Sternchen für Wörter aus dem Bereich des Genital- und Fäkalwortschatzes eingesetzt, was hier aber keinen Sinn ergibt. Allerdings verbirgt sich hinter dieser Äußerung für Insider vielleicht ein direkter Angriff. Sicher direkt angreifend ist dann die Äußerung von Defty: "chli äs problem he?" ("ein bisschen ein problem he?"). Im weiteren Verlauf ist sehr schön ersichtlich, wie die Interaktion sofort in derbe Beleidigungen und spöttische Bemerkungen verfällt. Interessant an diesem Beispiel ist auch, dass am Ende des abgedruckten Ausschnitts metakommunikative Äußerungen zu finden sind, welche das Verhalten von "izan_raus" negativ sanktionieren.

    Im folgenden Beispiel besteht die Interaktion ebenfalls rasch darin, sich gegenseitig zu beleidigen und aufzufordern, den Channel zu verlassen (Channel "Eishockey" 3.10.02). Auch hier wird das beleidigende Verhalten also negativ sanktioniert (Rolf Ziegler ist der Name eines Verteidigers vom SCB, vom Schlittschuhclub Bern):

    Rolf_Ziegler (java@=Nk93.135.202.62.dial.bluewin.ch) hat den Channel betreten
    Rolf_Ziegler: hallo SCB Fans
    Rolf_Ziegler: hallo
    Cardinal_zh (futzgauete@=0Xpwppssj131-019-659-00.hispeed.ch) hat den Channel betreten
    Rolf_Ziegler: hallo
    Cardinal_zh: abig! ("abend!")
      [1 Äußerung]
    Rolf_Ziegler: a lug da d'zürischachtle isch cho ("a schau die zürich-schachtel ist gekommen")
      [1 Äußerung]
    Cardinal_zh: bin kein zürcher!!
    Rolf_Ziegler: doch
    Rolf_Ziegler: zh
    Cardinal_zh: wohne nume da! ("wohne nur da!")
    Rolf_Ziegler: ebe en zürcher ("eben ein zürcher")
    Cardinal_zh: mmh... ztumm zum schissse ("mmh.. zu dumm um zu scheißen/schießen")
    Rolf_Ziegler: du wohnsch z'züri bisch en zürcher ("du wohnst in zürich bist ein zürcher")
    Rolf_Ziegler: zh[7] = zwenig Hirni ("zh = zu wenig Hirn")
    Cardinal_zh: wenni s'züri wohne heisst das dasi en zürcher bin?! ("wenn in zürich wohnen heißt dass ich ein zürcher bin?!")
    Rolf_Ziegler: ja für mich scho ("ja für mich schon")
      [5 Äußerungen]
    Rolf_Ziegler: we hau ab
    Cardinal_zh: nöö..
    Rolf_Ziegler: doch du zürcher
    Cardinal_zh: jetzt aber..
    Rolf_Ziegler: hau ab zürcher
    Cardinal_zh: nei jetzt hani aber angscht.. ("nein jetzt habe ich aber Angst..")
    Rolf_Ziegler: je
    Rolf_Ziegler: zürcher hoseschisser ("zürcher hosenscheißer")
    Rolf_Ziegler: de chat ghört de Berner klar ("der chat gehört den Bernern klar")
      [3 Äußerungen]
    scb-girl1: hey ziegler bes mol ruhig esch jo pinlech för d scb fans.. ("hey ziegler sei mal ruhig es ist ja peinlich für die scb fans")

    Die Beobachtung, dass bei direkten Angriffen sofort heftig und mit Beleidigungen, Angriffen und Spott reagiert wird, lässt sich auf unterschiedliche Weisen erklären:

    Relativierend zur oben formulierten Beobachtung der sofort erfolgenden Gegenreaktion auf direkte Angriffe ist aber zu betonen, dass nicht alle Streitsequenzen in einer durchwegs ernsten Modalität realisiert werden.

    4.3 Die gemischte Interaktionsmodalität

    Die Streitsequenzen haben nicht immer den Status einer ernsten Interaktionsmodalität, sondern werden oft interaktiv als Mischform zwischen einer ernsten und einer humoristischen Interaktionsmodalität ausgehandelt. Darauf wurde im Zusammenhang mit dem Beispiel von "Benny1" bereits hingewiesen. So verlieren die beleidigenden Äußerungen an Schärfe, da sie einen anderen Status erhalten. Dies zeigt sich ansatzweise z.B. am Ende der Sequenz mit "Rolf_Ziegler" (Hervorhebungen von mir, M.L.):

    Rolf_Ziegler: SCB isch eifach s'beschte ("SCB ist einfach das beste")
    Rolf_Ziegler: basta
    scb-girl1: gang zo dine hools kollege, guet hesch äuä gar keini.. ("gehe doch zu deinen dummen kollegen, gut hast wahrscheinlich gar keine..")
    Rolf_Ziegler: du au ned ("du auch nicht")
    scb-girl1: scb esch scho geil aber du besch shit! (scb ist schon geil aber du bist shit!")
    Cardinal_zh: schön,der führer hat gesprochen;- ))*llooooooooooooooooooooool*
    scb-girl1: hehe:)
    Amoroso_18: wär isch shit? ("wer ist shit?")
    Rolf_Ziegler: wer du *lach*
    scb-girl1: dä doof ziegler.. ("der doofe ziegler..")
    Amoroso_18: aha
    Rolf_Ziegler: die dooooooof scb_Girl wo ZSC fan isch ("die dooooooofe scb_Girl die ZSC [8] fan ist")
    scb-girl1: jo eh.. ("ja eh")
    scb-girl1: go a jede scb match und bi zsc fan.. ("gehe an jeden scb macht und bin scb fan..")
    scb-girl1: huere geil:) ("wahnsinnig geil :))
    Rolf_Ziegler: ja eh
    SpeedBabe: looooool
    Rolf_Ziegler hat den Channel verlassen

    Von Anfang an in dieser gemischten Interaktionsmodalität ist die folgende Sequenz gestaltet (Channel "Eishockey" 20.10.02):

    chloote_w{dario_kostovic}: hip hop isch s geilschte!! ("hi hop ist das geilste!!")
    gfhnh: hahaha
    gfhnh: hip hop
    gfhnh: LöL
    chloote_w{dario_kostovic}: slaaaaangnacht isch geil!! ("slaaaaangnacht ist geil!!")
    chloote_w{dario_kostovic}: ja was denn?
    gfhnh: was isch das for en shit ? ("was für ein shit ist das?")
    chloote_w{dario_kostovic}: traaance? *totlach*
    gfhnh: nei
    chloote_w{dario_kostovic}: punk?
    gfhnh: trance isch langwilig ("trance ist langweilig")
    gfhnh: nei danke ("nein danke")
    chloote_w{dario_kostovic}: ja findi au ("ja finde ich auch")
    chloote_w{dario_kostovic}: isi was denn? ("isi [sic!] was denn?")
    gfhnh: punks sind arschlöcher
    chloote_w{dario_kostovic}: sinds gar nöd!! ("sind sie gar nicht!!")
    gfhnh: doch sinds ("sind sie doch")
    gfhnh: ficked eim immer schief a , huere punks ("ficken einen immer schief an, verdammt punks")
    mosi: lol
    chloote_w{dario_kostovic}: so en shit ("so ein shit")
    gfhnh: isch gar nöd zum lole ("ist überhaupt nicht zum lolen")
    chloote_w{dario_kostovic}: lieber punk als ****!!
    gfhnh: du huere loli ("du dummer loli[9] ")
    gfhnh: mosi
    gfhnh: nei ("nein")
    chloote_w{dario_kostovic}: bisch sicher rächts? ("bist sicher rechts")
    gfhnh: punks sind penners ("punks sind penner")
    gfhnh: ja e
    gfhnh: LöL
    chloote_w{dario_kostovic}: ja siiiiicher
    gfhnh: aber lieber usländer als punks ("aber lieber ausländer als punks")
    chloote_w{dario_kostovic}: du kennsch di ja überall uus ("du kennst dich ja überall aus")
    chloote_w{dario_kostovic}: so en shit mann ("so ein shit mann")
    gfhnh: ja man
    gfhnh: ich ken mich ÜBERALL us (" ich kenne mich ÜBERALL aus")
    chloote_w{dario_kostovic}: *löl* ich merks ("*löl* ich merke es")

    Die ganze Sequenz ist durchsetzt mit dem Akronym lol, Abwandlungen davon und verwandten Gefühlsäußerungen (etwa *totlach*), aber auch ironischen Bemerkungen ("ich ken mich ÜBERALL us" ; "ich kenne mich ÜBERALL aus") was auf eine - mindestens teilweise - scherzhafte Kommunikation hinweist. Hier rücken Streitsequenzen in die Nähe der sonstigen Kommunikation in den Chats, in denen die phatische Funktion im Vordergrund steht. Der Streit scheint hier die Funktion eines Kommunikationsspiels zu haben, über welches man mit anderen Chatter/-innen in Kontakt treten und sich profilieren kann.

    4.4 Soziale Sanktionen

    Fehlt eine humoristische Ebene, so haben die Chatter/-innen, welche einen Streit initiieren, oft negative soziale Sanktionen zu gewärtigen, wie sich in einigen Beispielen bereits gezeigt hat. Dabei sind unterschiedliche Formen von Sanktionen zu beobachten.

    Im selben Protokoll vom "Eishockey"-Channel mit "Rolf_Ziegler" zum Beispiel loggt sich später ein Chatter unter "STONEY" ein. Dieser ist bei einigen Chattern als Störefried bekannt, was kurz nach dessen Einloggen thematisiert wird. Der Operator ("Noise") wird aufgefordert, sich um den Störefried zu kümmern.

    STONEY (java@=mQ39.132.3.213.dial.bluewin.ch) hat den Channel betreten
      [1 Äußerung]
    scb-girl1: ou nei jetz chunnt dä weder under stoney ine.. ("ou nein jetzt kommt der wieder unter stoney rein.")
    scb-girl1: nei är esch weder do..
    scb-girl1: juhu seit aber nüt me.. ("hurra sagt aber nicht mehr..")
    STONEY: doch
    STONEY: du ZSC Fan
      [6 Äußerungen]
    SpeedBabe: hm
    SpeedBabe: wo sind die scheiss ops?
    SpeedBabe: :)
    SpeedBabe: Noise
    SpeedBabe: lug emol zu dim channel ("schau mal zu deinem channel")
    SpeedBabe: heimatland nomol ("heimatland noch mal")
    SpeedBabe: :D
    scb-girl1: com met däm chasch ned rede esch eifach z blöd.. ("komm mit dem kannst du nicht sprechen er ist einfach zu blöd")
    scb-girl1: scho:)
    SpeedBabe: Noise Noise Noise ez los mal !!!!!!! ("Noise Noise Noise jetzt hör mal !!!!!!!")
    Noise: ?
    SpeedBabe: gg
    Noise: was is
    SpeedBabe: naja
    SpeedBabe: chöntsch mal chli ine luege meh Noise du bisch de einzig op ("könntest mal ein bisschen rein schauen mehr Noise du bist der einzige op")
    SpeedBabe: :)
      [8 Äußerungen]
    Noise: naja
    Noise: den
    Noise: kickemer amol ("kicken wir mal")
    Noise: gg
      [1 Äußerung]
    STONEY: juhu ("hurra")

    STONEY, der es offensichtlich darauf angelegt hat, herausgeworfen zu werden, scheint erfreut, wird aber nicht gekickt. Er meldet sich dann lange nicht mehr öffentlich, bis ein Chatter unter dem Nick "Forrest" einloggt:

    Forrest (R.I.P@=CWxtqywsf730-952-168-756.hispeed.ch) hat den Channel betreten
    Forrest: moin zäma ("morgen zusammen")
    STONEY: hau ab
    Cardinal_zh: abig ("abend")
    STONEY: zürcher!!!
    Cardinal_zh: tztzt..
      [1 Äußerung]
    STONEY: züri weg ("zürich weg")
    STONEY: gel zürcher ("gell")
    Forrest: moin Cardinal_zh
      [2 Äußerungen]
    Cardinal_zh: STONEY Geh doch heim, wenn du keine Freunde hast!
    STONEY: fresse
    Cardinal_zh: STONEY Wenn ich Deine Fresse hätte würde ich lachend in ne Kreissäge laufen!.
    STONEY: haha
    ChanServ hat Noise geoppt
    STONEY: mich verjagts vor lache ("ich platze vor Lachen")
    STONEY: hey zürcher
    STONEY: zh = zwenig Hirni ("zh = zu wenig Hirn")
    STONEY wurde aus dem Channel von Noise geworfen (..:: !¡! du nervst !¡! ::..) ( ..::!¡!
      SuperScript |1.0| !¡!::..)
    Cardinal_zh: äntli ("endlich")
    STONEY (java@=fL73.132.3.213.dial.bluewin.ch) hat den Channel betreten
      [3 Äußerungen]
    STONEY: hihi si hei mi kickt die kinder ("hihi sie habe mich gekickt die kinder")
      [2 Äußerungen]
    STONEY: hey NOISE hesch spass am kicke ("hey NOISE hast du spass am kicken")
    STONEY: ?
    STONEY wurde aus dem Channel von Noise geworfen (..:: !¡! ja !¡! ::..) ( ..::!¡!
      SuperScript |1.0| !¡!::..)
    Lunika: lol
    STONEY (java@=Br33.132.3.213.dial.bluewin.ch) hat den Channel betreten
    STONEY: i gloube das heisst ja ("ich glaube das heißt ja")
    Noise:STONEY: ja
      [1 Äußerung]
    Cardinal_zh hat IRC beendet (QUIT: User exited)
      [6 Äußerungen]
    ChanServ hat Noise entoppt
    STONEY: hey Noise
    Noise: ?
    STONEY: ******* HCD
    Noise: krazz
    STONEY: i weiss ("ich weiß")
    STONEY: kick mich doch
    STONEY: kom eh wieder ("komme eh wieder")
      [2 Äußerungen]
    STONEY: kick mich!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    SpeedBabe: den darfst wirklich
    SpeedBabe: löl
    SpeedBabe: wenn er schon darum winselt
    SpeedBabe: :)
    STONEY: LÖFDSHKÄSDFKÄBRNKOTHNKLBSDFNKBNÖRTMSDBISEFKBLÖSDJFHNLSFDHJNSRKLGHJSDBÖLSRTNHIOKLDRGBH
    SpeedBabe: STONEY du bisch so laaaam.... ("STONEY du bist so lahm....")
    STONEY: OPSGJÄLERGÄE,RKRWEJÖGKERGWÖLEGBLWERHÄÖWNERGKERJHWKRJBHMKELGÖJADUTÖJWRHBIOLKEGTJEWH
    STONEY wurde aus dem Channel von BlueBot geworfen (Schalte deine Caps Lock aus! Schreibe klein,
      grossschreiben = schreien)
    SpeedBabe: gang go penne ("gehe pennen")
    SpeedBabe: ggg
    STONEY (java@=yT91.132.3.213.dial.bluewin.ch) hat den Channel betreten
    SpeedBabe: STONEY fendsch es eigentlich luschtig ? ("STONEY findest du das eigentlich lustig ?")
    STONEY: JUHU SI HEI MI KICKT ("HURRA SIE HABEN MICH GEKICKT")
    STONEY: hey SpeedBabe vo was bisch eigetlich fan ("Hey SpeedBabe von wem bist du eigentlich fan")
      [10 Äußerungen]
    STONEY: du
      [1 Äußerung]
    STONEY hat IRC beendet (QUIT: User exited)

    "STONEY" wird nach wenigen Äußerungen von einem Chatter aufgefordert, den Channel zu verlassen ("Geh doch heim") und wird nach weiteren Beleidigungen vom Operator "Noise" aus dem Kanal gekickt, was vom bleidigten "Cardinal_zh" mit einer positiven Sanktion kommentiert wird ("äntli", "endlich"). "STONEY" aber loggt sich sofort wieder ein und wird nach drei Äußerungen wieder vom Operator gekickt. Er loggt sich wieder ein, provoziert die Fans des Hockeyclubs Davos (HCD) und bittet darum, gekickt zu werden, was von einer Chatterin unterstützt wird (negative soziale Sanktion). Wie dies keine Wirkung zeigt, tippt er sinnlose Buchstabenfolgen ein, worauf er vom System aus dem Kanal gekickt wird. Wieder loggt er sich ein, wird jetzt aber - zumindest öffentlich - von allen ignoriert, worauf er sich selbst ausloggt. Interessant hier ist nicht nur die Tatsache, dass sein Verhalten negativ sanktioniert wird, sondern auch, dass er Äußerungen produziert, die in der mündlichen Kommunikation kein Pendant haben, die also nicht konzeptionell mündlich sind.

    Ähnliches liegt in folgender Sequenz vor (Channel "Punk", 3.10.02):

    izan_raus: set wenn chan a girl schwul si ("set [sic!] wann kann ein girl schwul sein")
    izan_raus: haha
    punx: die si immer schwul, si stöh uf männer (die sind immer schwul, sie stehen auf männer")
    izan_raus: ja wen du meinsch ("ja wenn du meinst")
    punx: i meine nid i weises ("ich meine nicht ich weiß es")
    HATEBREED (java@=wh566.217.202.62.dial.bluewin.ch) hat den Channel betreten
    izan_raus: das isch mer doch ******* egal (" das ist mir doch ******* egal")
    punx: (Y) oder (y)
    punx: (N) oder (n)
    punx: (B) oder (b)
    punx: (D) oder (d)
    punx: (X) oder (x)
    punx: (Z) oder (z)
    punx: :-[ oder :[
    punx: (})
    punx: ({)
    punx: :-) oder :)
    punx: :-D oder :d
    punx: :-O oder :o
    punx: :-P oder :p
    punx: ;-) oder ;)
    punx: :-( or :(
    punx: :-S oder :s
    punx hat IRC beendet (Excess flood)

    Neben dem sozialen Channel-Verweis (also der Aufforderung abzuhauen) und der Aufforderung an den Operator, etwas gegen einen Chatter zu unternehmen, finden sich in meinem Korpus folgende Sanktionen:

  • Aufforderung, still zu sein: "benny, häb dini sch**** F R à S S E!!!" ("benny, halte deine sch**** F R E S S E!!!")
    scb-girl1: hey ziegler bes mol ruhig esch jo pinlech för d scb fans.. ("hey ziegler sei mal ruhig es ist ja peinlich für die scb fans")
  • Negative Bewertung des Kommunikationsverhaltens: leamas: u du ufem aafiggitrip? ("und du auf dem anficktrip")
  • Entsolidarisierung: EVZ_4_ever: hei evz-fan gang di nick name go ändere das esch jo en schand (hei evz-fan gehe deinen nick name ändern das ist ja eine schande")
  • Verweigerung, jemanden als Kommunikationspartner anzuerkennen: zakumakura: dafür musst du zuerst ernstgenommen werden
  • Beschimpfungen: "bisch nüt besser aus e fascho" ("bist nichts besseres als ein fascho")
  • Spott: schoggi-tiger: ou du machsch mer angscht ("ou du machst mir aber angst")
  • Verweis auf Chatiquette: jasinta: es giltet do es verbot übrigens geg alli rassischte,antisemitischtem,...... ("es gilt hier ein verbot übrigens gegen alle rassistischen, anitsemitischen,......")
  • Die Analyse ergab, dass in den meisten Streitsequenzen soziale, negative Sanktionen von anderen Chattern zu finden sind, welche an denjenigen Chatter gerichtet sind, der als Veranlasser des Streits identifiziert wird. Die meisten dieser Sanktionen sind, wie die Beispiele zeigen, so formuliert, dass der angesprochene Chatter direkt negativ bewertet wird. Sie tragen deshalb meist nichts zu einer Deeskalation bei.

    4.5 Streitbeendigung

    Die meisten Streitsequenzen, die im vorliegenden Korpus zu finden sind, werden ganz abrupt beendet. Entweder, weil ein Beteiligter durch eine technische Sanktion aus dem Channel gekickt wird, oder weil der Streit nicht weiter ausgetragen wird - mindestens nicht öffentlich. Die Tatsache, dass in den meisten Belegen mindestens einer der Beteiligten nach Abbruch der Streitsequenz sofort weiterhin rege am Chat teilnimmt, weist jedoch darauf hin, dass die Kommunikation abgebrochen und nicht privat weitergeführt wurde. Ein derartiger Abbruch, der in der face-to-face-Kommunikation schwer beziehungsbelastend wäre, scheint im Chat üblich zu sein.

    Diese Beobachtung deckt sich mit anderen Analyseergebnissen (z.B. Schönfeldt 2001: 48-49), dass im Chat - bis auf Verabschiedungssequenzen - Gesprächsbeendigungen oft fehlen. Meist wenden sich die Chatter/-innen einfach anderen Chattern zu.

     

    5 Fazit

    In den hier untersuchten Chats wird selten gestritten. Wenn gestritten wird, dann wird dies meist veranlasst durch direkte Angriffe und Beleidigungen, und die daran anschließenden Streitsequenzen zeichnen sich dadurch aus, dass rasch die Beziehungsebene in den Vordergrund rückt und Äußerungen realisiert werden, welche den Kommunikationspartner direkt bewerten, und zwar sehr negativ. Hinzu kommen als Ausdruck von Emotionalität die Reduplikation von Satzzeichen (schoggi-tiger: benny hou ab!!!!!!! "benny hau ab!!!!!!") oder von Buchstaben (Rolf_Ziegler: die dooooooof scb_Girl wo ZSC fan isch Übersetzung? (""die dooooooofe scb_Girl die ZSC fan ist"). Zum Teil sind diese Sequenzen auch mit Äußerungen durchsetzt, die markieren, dass die Beleidigungen nicht ganz ernst gemeint sind, wodurch eine Mischung verschiedener Interaktionsmodalitäten entsteht. Fehlen derartige Äußerungen, welche die Ernsthaftigkeit der Angriffe relativieren, so wird das Verhalten des Streitveranlassers meist negativ sanktioniert. Man könnte dies als Form sozialer Kontrolle interpretieren. Diese Sanktionen beinhalten aber meist wiederum negativ bewertende Äußerungen, sodass sie kaum zu einer Deeskalation beitragen.

    Viele Streitsequenzen werden nicht beendet, sondern einfach abgebrochen. Wenn eine Deeskalation zu beobachten ist, so meist in Form von einer Wendung ins Humoristische.

    Streitsequenzen finden sich vor allem in kleineren Chat-Channels.

    Die hier analysierten Streitsequenzen zeichnen sich dadurch aus, dass nie unterschiedliche Standpunkte ausgehandelt werden und so die zu Grunde liegenden Konflikte nicht gelöst werden. Das Lösen von Konflikten kann also nicht die Funktion dieser Sequenzen sein. Viel mehr spielen wahrscheinlich die Funktionen der Provokation und der Profilierung eine Rolle.

    Da im Chat anonymes Kommunizieren möglich ist, kann man die Wirkung des eigenen Verhaltens auf andere eher vernachlässigen und sich ungehemmter auf die eigenen Bedürfnisse konzentrieren. Man kann deshalb seinen Aggressionen ungebremst Ausdruck verleihen und andere provozieren (dazu auch Döring 2001: 112). Eine Provokation ist deshalb im Chat gut möglich, da die Kommunikation in diesem Medium auch Nähe vermittelt (Storrer 2001a). Diese Kombination von anonymer Kommunikation bei gleichzeitiger Übermittlung von Nähe ist ein zentrales Merkmal der elektornischen Schriftlichkeit, wie sie im Chat zu finden ist (Thimm 2001: 260)[10]

    In gewissen Streitsequenzen, die eine Wendung ins Humoristische nehmen oder aber von Anfang an in einer gemischten Interaktionsmodalität realisiert werden, ist es möglich, sich als scharfzüngigen, schlagfertigen, aber dennoch witzigen Chatter zu profilieren. Hier dürfte - wie in einem großen Teil der sonstigen Chat-Kommunikation - die phatische Funktion überwiegen.

    Streitsequenzen im Chat weisen so nicht nur Unterschiede im Hinblick auf die formalen Merkmale von Streitsequenzen in der face-to-face-Kommunikation auf (rasche Eskalation, keine Aushandlungsphase, oft fehlende Beendigung etc.), sondern auch im Hinblick auf die Funktion. Es bleibt deshalb zu diskutieren, ob sie sinnvollerweise als "schriftlich realisierte Gespräche" (Schönfeldt 2001: 52) bezeichnet werden sollen. Problematisch machen eine solche Bezeichnung auch diese Äußerungen, die nicht konzeptionell mündlich sind (Großbuchstaben ohne Sinn).

    Genauer zu untersuchen bleiben kulturelle Vergleiche einzelner Streitsequenzen, wobei hier nicht nur an Chats aus anderen Ländern zu denken ist, sondern auch an einen Vergleich unterschiedlicher Gruppenkulturen - Hinweise auf derartige Unterschiede zeigten sich schon im hier untersuchten Korpus. Damit verbunden ist die Frage nach der Funktion sozialer negativer Sanktionen im Hinblick auf eine Gruppenbildung in einzelnen Channels. Ebenfalls wichtig wäre eine Ergänzung durch Analysen von Chats, in denen nicht in erster Linie geplaudert wird, sondern ernsthaft diskutiert, zum Beispiel über politische Themen. Und nicht zuletzt müssten auch Flirt-Chats auf Streitsequenzen hin untersucht werden - gehören sie doch nach wie vor zu den am häufigsten frequentieren Channels.

     

    Anmerkungen

    1 Unterbrechungen sind im moderierten Chat möglich (s. dazu Storrer 2001b), Gegenstand der vorliegenden Untersuchung sind aber ausschließlich unmoderierte Chats. [zurück]

    2 http://www.bluewin.ch/chat. [zurück]

    3 Angaben von http://www.webchat.de; abgefragt am 1. November 2002 und am 1. Februar 2003. [zurück]

    4 Ein Chatter provozierte im Channel "Metal" am 3.10.02 den Chatter "leamas" folgendermaßen: "hm namen rückwärts schreiben ist schon was tolles und sowas von originell... *gääähn*", worauf der angesprochene Chatter u. a. mit folgender Äußerung reagiert: "u du ufem aafiggitrip?" (Übersetzung: "und du auf dem anficktrip?"). [zurück]

    5 http://www2.bluewin.ch/chat/services/chatiquette_d.html; abgefragt am 1. Februar 2003. [zurück]

    6 Die Satzzeichenreduplikation könnte ein Ersatz für Lautstärke sein, dazu Haase et al. (1997). [zurück]

    7 "zh" ist die offizielle Abkürzung für den Kanton Zürich. [zurück]

    8 Zürcher Schlittschuhclub. [zurück]

    9 "loli" ist hier wahrscheinlich von "lol" abgeleitet; gleichzeitig besteht eine große Nähe zum Wort "Löli", welches im Schweizdeutschen "Dummkopf" bedeutet. [zurück]

    10 Eine Entsprechung - allerdings unter umgekehrten Vorzeichen - finden diese Provokationen in besonders prosozialer Kommunikation im Chat, dazu Döring (2001: 111). [zurück]

     

    Literaturangaben

    Döring, Nicola (2001): "Belohnungen und Bestrafungen im Netz: Verhaltenskontrolle in Chat-Foren". Gruppendynamik und Organisationsberatung 2: 109-143.

    Gallery, Heike (2000): "'bin ich-klick ich' - Variable Anonymität im Chat". In: Thimm, Caja (ed.): Soziales  im Netz. Sprache, Beziehungen und Kommunikationskulturen im Internet. Opladen: 71-88.

    Gruber, Helmut (1996): Streitgespräche. Zur Pragmatik einer Diskursform. Opladen.

    Haase, Martin et al. (1997): "Internetkommunikation und Sprachwandel". In: Weingarten, Rüdiger (ed.): Sprachwandel durch Computer. Opladen: 51-85.

    Sassen, Claudia (2000): "Phatische Variabilität bei der Initiierung von Internet-Relay-Chat-Dialogen". In: Thimm, Caja (ed.): Soziales  im Netz. Sprache, Beziehungen und Kommunikationskulturen im Internet. Opladen: 89-108.

    Schönfeldt, Juliane (2001): "Die Gesprächsorganisation in der Chat-Kommunikation". In: Beißwenger, Michael (ed.): Chat-Kommunikation. Sprache, Interaktion, Sozialität & Identität in synchroner computervermittelter Kommunikation. Perspektiven auf ein interdisziplinäres Forschungsfeld. Stuttgart: 25-53.

    Spiegel, Carmen (1995): Streit. Eine linguistische Untersuchung verbaler Interaktionen in alltäglichen Zusammenhängen. Tübingen.  (= Forschungsberichte des Instituts für deutsche Sprache 75)

    Storrer, Angelika (2001a): "Getippte Gespräche oder dialogische Texte? Zur kommu-nikationstheoretischen Einordnung der Chat-Kommunikation". In: Lehr, Andrea et al. (eds.): Sprache im Alltag. Beiträge zu neuen Perspektiven in der Linguistik. Herbert Ernst Wiegand zum 65. Geburtstag gewidmet. Berlin etc.: 439-465.

    Storrer, Angelika (2001b): "Sprachliche Besonderheiten getippter Gespräche: Sprecherwechsel und sprachliches Zeigen in der Chat-Kommunikation". In: Beißwenger, Michael (ed.): Chat-Kommunikation. Sprache, Interaktion, Sozialität und Identität in synchroner, computervermittelter Kommunikation. Perspektiven auf ein interdisziplinäres Forschungsfeld. Stuttgart: 3 - 24.

    Thimm, Caja (2001): "Funktionale Stilistik in elektronischer Schriftlichkeit: Der Chat als Beratungsforum". In: Beißwenger, Michael (ed.): Chat-Kommunikation. Sprache, Interaktion, Sozialität & Identität in synchroner computervermittelter Kommunikation. Perspektiven auf ein interdisziplinäres Forschungsfeld. Stuttgart: 255-278.

    Wichter, Sigurd (1991): Zur Computerwortschatz-Ausbreitung in der Gemeinsprache. Elemente der vertikalen Sprachgeschichte einer Sache. Frankfurt am Main.


     Linguistik online 15, 3/03

    ISSN 1615-3014