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Die Bedeutung von Infinitiv und Konjunktiv als Modi der Nicht-Mitteilung (unter besonderer Berücksichtigung des Italienischen)Claudia Pichler (Klagenfurt)1 EinleitungNeben Indikativ und Konjunktiv wird mitunter auch der Infinitiv zu den Modi des Verbs gezählt. Im Folgenden soll geklärt werden, durch welche gemeinsamen pragmatisch-kommunikativen Eigenschaften bzw. Funktionen Infinitiv und Konjunktiv gekennzeichnet sind und inwieweit es gerechtfertigt ist, den Infinitiv als Modus zu bezeichnen. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere durch einen Artikel eingeleitete, syntaktisch abhängige Infinitivphrasen, ihre morphosyntaktische Struktur sowie ihr jeweiliger Informationsstatus. Die Beispielsätze stammen größtenteils aus altitalienischen Texten, da gerade die "ältere" Sprache zahlreiche und verschiedenartige Infinitivkonstruktionen aufweist, die für die vorliegende Untersuchung von Interesse sind. 2 Exkurs: Nominale und verbale Merkmale des Infinitivs/Der Infinitiv – ein Modus?Unter einem verbum infinitum versteht man im Allgemeinen eine unkonjugierte, das heißt hinsichtlich Person, Numerus, Tempus und Modus nicht bestimmte Verbform. Als sogenannte Nominalform des Verbs (auch Nennform genannt) steht der Infinitiv formal und funktional zwischen Verb und Nomen. Cf. dazu Mayerthaler/Fliedl/Winkler (1993: 134–135): Man betrachte in diesem Zusammenhang die drei folgenden Beispiele:
Die Infinitivphrasen in a) – c) sind sowohl durch nominale als auch durch verbale Eigenschaften gekennzeichnet. Als ein typisch nominales Merkmal der Infinitivphrase ist – neben dem infiniten verbalen Kern – deren Verbindung mit einem Artikel bzw. mit einer Präposition zu nennen (il non parlare .../per non potere ...). Als Indikatoren für die Verbalität der Infinitivkonstruktion gelten1: das jeweils nominativische Subjekt (per non potere tu... .../per essere
el sangue... ...), Der verbale Charakter des Infinitivs ist vor allem auch dann offensichtlich, wenn die Verbalphrasen unabhängiger, nicht-subordinierter Sätze anstelle eines finiten Verbums eine Infinitiv-Form aufweisen. Das heißt, das Zustandekommen einer gültigen Prädikation ist nicht notwendigerweise an das Vorhandensein einer finiten Verbform gebunden, wie die folgenden Beispiele 2 zeigen:
Ob nun Äußerungen, die als verbalen Nukleus eine infinite Verbform enthalten, als Sätze zu klassifizieren sind oder nicht, ist eine Frage der Definition. Wichtiger ist die Tatsache, dass in den soeben genannten Beispielen jeweils eine Prädikation erfolgt und das kommunikative Ziel des Sprechers erreicht wird. Cf. Ramat (2002: 412): Im Hinblick darauf, dass manche Sprachen (z. B. das Portugiesische) flektierte personale Infinitivformen aufweisen, wird deutlich, dass es zwischen finiter Verbform einerseits und infinitem Verbum andererseits noch Zwischenstufen gibt – ein "continuum con forme più o meno finite" (Jansen/Polito/Strudsholm 2002: 14) (ein Kontinuum mit mehr oder weniger finiten Formen). Die Zuordnung des Infinitivs zu einer morphologischen Kategorie (im Sinne einer durch spezifische grammatische Aspekte gekennzeichneten Wortart) erweist sich aufgrund seines Zwischenstatus zwischen Nomen und Verb als problematisch. Ramats Definition (Ramat 2002: 413) erscheint daher angebracht, wonach der Infinitiv nicht als morphologische Kategorie, sondern vielmehr als ein Wert ("un valore") der verbalen Eigenschaft MODUS betrachtet wird ("un 'valore' della 'caratteristica' MODO della categoria VERBO: VB (verbo) → MD (modo) → INF (infinito)"). Man betrachte in diesem Zusammenhang auch den sogenannten modalen Infinitiv im Russischen, der sich aus "dem potentiellen Agens, das im Dativ 4 genannt wird, und einem unabhängigen Infinitiv zusammensetzt" (Maurice 1996: 72). Nach Maurice (1996: 14) ist der modale Infinitiv, der neben Fragesätzen auch in Aussagesätzen vorkommt, "ein syntaktisches Mittel zum Ausdruck von Modalität. Die Modalität ist hierbei implizit und durch die Konstruktion bedingt". Was die pragmatisch-kommunikative Verwendung des modalen Infinitivs betrifft, so ist anzumerken, "dass Sätze mit modalem Infinitiv meist Hintergrundinformation oder Erklärungen zu irgendwelchen Handlungen oder Unterlassungen bereits eingeführter Personen geben [...]" (Maurice 1996: 73). Im vorliegenden Beitrag wird der (durch einen Artikel eingeleitete) Infinitiv insofern als Modus 5 betrachtet, als er
3 Strukturelle, inhaltliche und pragmatisch-kommunikative RelationenZwischen einzelnen Sätzen bzw. Satzteilen (Phrasen) bestehen Relationen unterschiedlicher Art, die nach Vallauri wie folgt klassifiziert werden können (cf. Vallauri 1996: 13–14):
Der Informationsstatus einer Konstituente (d. h. thematisch od. rhematisch, assertierend, nicht-assertierend etc.) wird durch unterschiedliche sprachliche Mittel gekennzeichnet. Dazu zählen u. a.:
Die morphosyntaktische Struktur einer Äußerung ist demnach Ausdruck ihrer spezifischen Informationsstruktur. Vallauri (1996: II–III) spricht in diesem Zusammenhang von "sintassi strutturale" (die syntaktisch-strukturelle Ebene der Äußerung betreffend) und von "sintassi dell'informazione" (die Informationsstruktur der Äußerung betreffend) – zwei sich wechselseitig beeinflussende Ebenen. Im vorliegenden Beitrag gilt es, diese Wechselbeziehung zwischen morphosyntaktischer Struktur und Informationsstruktur zu beschreiben bzw. aufzuzeigen, wie der Informationsstatus einer Konstituente durch morphosyntaktische Mittel zum Ausdruck gebracht wird. Im Zentrum steht dabei vor allem die morphosyntaktische Kodierung thematischer Äußerungselemente, wobei hinsichtlich der pragmatisch-kommunikativen Funktionen von Infinitiv und Konjunktiv bestimmte Übereinstimmungen festzustellen sind. 4 Assertion – Projektion – PräsuppositionMan betrachte vorab die zwei folgenden Beispiele:
Das primäre Mitteilungsziel des Sprechers besteht in (1) nicht in der Feststellung, dass Paolo angekommen ist, sondern vielmehr im Ausdruck der Freude über diesen Umstand. Oder anders formuliert: Der Inhalt des untergeordneten Satzes wird vom Sprecher nicht behauptet (im Sinne von: "Paolo è arrivato ieri sera"), sondern präsupponiert. Das heißt, Dasselbe gilt auch für Beispiel (2), das anstelle eines konjunktivischen Komplementsatzes eine Infinitivphrase enthält, deren Inhalt vom Sprecher als existentiell gegeben vorausgesetzt wird: Die Äußerung eines bestimmten Inhalts (Proposition) kann demnach auf unterschiedlichen Ebenen erfolgen, und zwar abhängig davon, inwieweit der Sprecher diesen Inhalt
Es handelt sich somit um unterschiedliche Präsentationsebenen ein- und desselben Inhalts, die durch spezifische morphosyntaktische Mittel gekennzeichnet sind. Um beispielsweise einen Äußerungsteil als projiziert auszuweisen, verwendet das Deutsche in der indirekten Rede generell den Konjunktiv (cf. im Gegensatz dazu: Assertion → Indikativ). Neben der "proiezione di locuzioni e idee"(Zitat, indirekte Rede) verweist Vallauri (1996: 36) (in Anlehnung an Halliday) noch auf einen weiteren Projektionstyp, der sogenannten "proiezione di fatti". Dabei wird ein bestimmter Inhalt nicht behauptet (weder vom Sprecher selbst, noch von einer anderen Person → cf. indirekte Rede), sondern präsupponiert und folglich durch entsprechende nicht-assertorische Äußerungselemente kodiert (cf. konjunktivischer Komplementsatz in (1), Infinitivkonstruktion in (2)). Als implizite Sinnvoraussetzungen stellen präsupponierte Sachverhalte zumeist bekannte, also im Bewusstsein der Gesprächsteilnehmer bereits verankerte und somit thematische Informationselemente dar. Diesem Faktum wird gerade durch die Verwendung des thematischen Konjunktivs (s. dazu weiter unten) Rechnung getragen. In (1) dient der Konjunktiv also nicht nur als Zeichen syntaktischer Unterordnung, sondern insbesondere auch als Kennzeichen des Mitteilungswertes (thematisch → bekannte Information) und der Präsentationsebene des Nebensatzinhalts. Letzterer wird vom Sprecher nicht behauptet (cf. Assertion → Indikativ als Modus der Mitteilung), sondern als präsupponierter Sachverhalt sozusagen indirekt zum Ausdruck gebracht (s. o. "proiezione di fatti"). In diesem Sinne fungiert der thematische Konjunktiv gewissermaßen als "Modus der Nicht-Mitteilung" (siehe unten). Bevor nun Infinitiv und Konjunktiv im Hinblick auf ihre gemeinsamen kommunikationsspezifischen Funktions- und Verwendungsweisen untersucht werden, soll im gleich anschließenden Kapitel noch einmal in aller Kürze die Theorie der Funktionalen Satzperspektive erläutert werden. 5 Theorie der Funktionalen SatzperspektiveDie Theorie der Funktionalen Satzperspektive (auch Thema-Rhema-Gliederung genannt) beschäftigt sich "mit dem Mitteilungswert sprachlicher Einheiten und den Auswirkungen des Mitteilungswertes auf den Aufbau sprachlicher Äußerungen" (Tschida 1995: 1). Der Begriff des Mitteilungswertes ist in der Linguistik nicht eindeutig definiert: "Üblicherweise wird zwischen thematischem (= geringem) und rhematischem (= hohem) Mitteilungswert unterschieden, wobei das Thema dem bekannten oder als bekannt unterstellten Teil des Satzinhalts entspricht und das Rhema der neuen Information" (Blumenthal 1987: 36). Mitunter wird das Thema auch als Satzgegenstand (= das, worüber man spricht) und das Rhema als Satzaussage (= das, was über das Thema ausgesagt wird) verstanden. In diesem Sinne ist das Rhema in erster Linie für die Textprogression und das Thema für die Textkontinuität verantwortlich. Dass diese Definition (Thema – Satzgegenstand, Rhema – Satzaussage) nicht unproblematisch ist, zeigt das folgende Beispiel:
In (3) ist nicht the duke das Thema, sondern der an der ersten Stelle des Satzgefüges befindliche Konditionalsatz. Der darauf folgende Hauptsatz ist rhematisch 6. Um also die Informationsverteilung innerhalb eines Satzgefüges zu bestimmen, müssen Thema und Rhema nach anderen Kriterien definiert werden. Vallauri spricht für eine Definition, die auf dem Konzept des sogenannten "Mitteilungsziels" basiert, wonach sich das Thema tendenziell mit den sogenannten "clausole di tipo 'circostanziale'" – also mit dem abhängigen Satz – und das Rhema mit dem Hauptsatz identifizieren lässt. Der Hauptsatz ist – im Vergleich zum Nebensatz – "portatrice di una più forte illocutività" (Vallauri 1996: 42), das heißt der eigentliche Träger der illokutionären Kraft. Cf. (Vallauri 1996: 40–41): Auch im Folgenden beziehen sich die Begriffe Thema/thematisch und Rhema/rhematisch auf den vom jeweiligen Mitteilungsziel abhängigen Mitteilungswert sprachlicher Äußerungen. Diese auf dem Konzept des Mitteilungsziels beruhende Definition von Thema und Rhema erweist sich für die vorliegende Untersuchung als angebracht, gilt es doch, die (gemeinsamen) pragmatisch-kommunikativen Funktionen von Infinitiv und Konjunktiv aufzuzeigen, die typischerweise in abhängigen Sätzen bzw. Phrasen vorkommen (cf. Konjunktiv als Nebensatzmodus, Nebensatzverkürzung durch infinites Verbum). Man betrachte in diesem Zusammenhang (4) – (9): Die Thematizität (sprich der geringere Mitteilungswert) des jeweils untergeordneten Satzes ist gleich zweifach markiert 7:
Ändert sich die Abfolge der einzelnen Teilsätze innerhalb des Satzgefüges, so ändert sich auch dessen Informationsstruktur. Man betrachte (10) – (11): Nicht der Hauptsatz, sondern die abhängige Infinitivphrase stellt das Informationszentrum des Satzes dar. Diese wird dem Hauptsatz nachgestellt und dadurch als rhematisch gekennzeichnet. Der Infinitiv kennzeichnet die Phrase als nicht-assertierend, das heißt, der Inhalt der Infinitivphrase wird nicht behauptet, sondern präsupponiert (cf. Assertion vs. Präsupposition):
6 Infinitiv und Konjunktiv als Modi der "Nicht-Mitteilung"Der neutrale Inhalt/Sachverhalt eines Satzes wird bekanntlich als Proposition bezeichnet. Erst durch verschiedene lexikalische Mittel (Satzadverbien, Modalverben), vor allem aber durch die verbale Kategorie des Modus wird – neben der inhaltlichen Formulierung der Äußerung – auch die subjektive Einstellung des Sprechers zum Satzinhalt ausgedrückt. Während der Indikativ gerade durch seine assertierend-mitteilende Funktion bestimmt ist (d. h. einen Sachverhalt als real darstellt) und folglich auch als "Wirklichkeitsform" oder als "Normalform" bezeichnet wird, erweist sich die Festlegung des Konjunktivs auf eine einheitliche Grundfunktion als problematisch (s. dazu auch Kapitel 6). Im klassischen Latein erfüllte der Konjunktiv unterschiedlichste Funktionen. Neben der volitiven Funktion ist insbesondere auch auf die dubitative Funktion im Bereich der epistemischen Modalität (= "Einschätzung der Gültigkeit einer Aussage beziehungsweise des Bestehens eines Sachverhaltes durch den Sprecher" (Gsell/Wandruszka 1986: 46)) hinzuweisen: Man betrachte in diesem Zusammenhang die folgenden Beispiele:
In (12)/(13) fungiert der Konjunktiv nicht nur als Zeichen der syntaktisch-funktionalen Abhängigkeit des Komplementsatzes, sondern er enthält zusätzlich auch eine modale Bedeutungskomponente, nämlich die Nicht-Annahme der Realisierung des Nebensatzinhalts seitens des Sprechers. Gegenüber der Verwendung finiter Verben in Nebensätzen hat die Verwendung infiniter Verbformen den Vorteil, dass infinite Formen prinzipiell modusneutral sind. Im klassischen Latein steht nach den verba sentiendi und dicendi fast ausschließlich der accusativus cum infinitivo: Während diese Verben (verba sentiendi et dicendi) im klassischen Latein meist mit AcI konstruiert wurden, richtet sich in den entsprechenden spätlateinischen Konjunktionalsätzen die Wahl des Modus nach der jeweiligen Einschätzung ihres Realitätsgehaltes. So steht etwa nach scire, credere vorwiegend der Indikativ, und nach dicere, referre eher der Konjunktiv, und ebenso nach verneintem Hauptsatz wie noch im Neufranzösischen. Diese Modussetzung bleibt im Prinzip bis ins 17. Jh. erhalten. (Gsell/Wandruszka 1986: 65f.) Im Hinblick auf die spezifisch dubitative Funktion des Konjunktivs lassen sich im Französischen und im Italienischen unterschiedliche Entwicklungstendenzen feststellen. Cf.:
Während im Französischen das von positiven Verben des Glaubens und Meinens abhängige Prädikat im Indikativ erscheint (15), fordert das Italienische auch in diesem Kontext den Konjunktiv (14). Nach verneinten Verben des Glaubens und Meinens steht in beiden Sprachen jeweils der Konjunktiv (12, 13). Ähnliche Verhältnisse finden sich auch in Nebensätzen, die von einem deklarativen Verbum im Hauptsatz abhängen: Indikativ prinzipiell nach positivem Hauptsatz, Konjunktiv mitunter nach Verneinung und Frage, "zumal wenn der Sprecher Zweifel an der Wahrheit des Nebensatzes anklingen lassen will" (Gsell/Wandruszka 1986: 67). Cf. dazu das folgende Beispiel 8:
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Neben dem volitiven (od. deontischen) und dem dubitativen (od. epistemischen) Konjunktiv breitet sich im Französischen im Laufe des 16. Jh. ein weiterer Typus aus, der sogenannte thematische oder faktive Konjunktiv. Wie schon der Name sagt, besteht die Funktion des Konjunktivs in diesem Falle darin, die Thematizität sprachlicher Elemente zu kennzeichnen. Der thematische Konjunktiv findet sich insbesondere in Subjektsätzen und in proleptischen Komplementsätzen, sowie nach Verben und Ausdrücken des Affekts bzw. der subjektiven Beurteilung 9 :
Der quasi entmodalisierte thematische Konjunktiv (die Modalität wird in den genannten Beispielen gerade durch den übergeordneten Satz zum Ausdruck gebracht) ist nicht nur ein Indiz syntaktischer Unterordnung, sondern er fungiert als sogenannter "Modus der Nicht-Mitteilung" (cf. Gsell/Wandruszka 1986: 66, 71f.): In einer Äußerung wie
soll primär nicht kommuniziert werden, dass sie ausgegangen ist, sondern vielmehr das Bedauern des Sprechers darüber. Im Mitteilungszentrum steht die durch den Hauptsatz zum Ausdruck gebrachte persönliche Bewertung, die den fokussierten (rhematischen) Teil der Äußerung darstellt, wobei die Wahrheit des Nebensatzes vom Sprecher präsupponiert wird. Cf.: Man betrachte in diesem Zusammenhang die folgenden altitalienischen Beispiele. Die thematischen Äußerungselemente sind in eine Infinitivphrase eingebettet, die durch einen definiten Artikel eingeleitet wird und ein explizit genanntes, dem Infinitiv nachgestelltes (logisches) Subjekt enthält (in (22) und (23) in Form eines klitischen Pronomens). Die Infinitivkonstruktion des Typs "Definiter Artikel + Infinitiv + Subjekt" weist also hinsichtlich ihrer Funktions- und Verwendungsweise Gemeinsamkeiten mit dem thematischen Konjunktiv auf, das heißt, sie fungiert gewissermaßen als "Modus der Nicht-Mitteilung" (cf. Wunderlis Modushierarchie, Wunderli 1976: 11–27). Cf.:
Die in den zitierten Beispielsätzen eingebetteten Infinitivkonstruktionen sind durch die folgenden pragmatisch-kommunikativen Eigenschaften gekennzeichnet:
Cf. diesbezüglich noch einmal Beispiel (23):
Die Infinitivphrase ist durch einen Subjektsatz mit thematischem Konjunktiv substituierbar:
Cf.:
Konstruktionen des Typs "Definiter Artikel + Infinitiv + Subjekt" machen die sogenannte "Doppelnatur" des Infinitivs deutlich, der formal und funktional zwischen Nomen und Verbum steht. Für die Nominalität der Konstruktion spricht die Verbindung des Infinitivs mit dem definiten Artikel, der prinzipiell die zwei folgenden pragmatisch-kommunikativen Eigenschaften hat:
Der verbale Charakter des Infinitivs zeigt sich unter anderem an der expliziten Kodierung seines logischen Subjekts (cf.: lo stare loro) sowie an den Formen des "infinito passato" (cf.: l'avere... davanti significata la sua venuta) und an den – durch die Valenz des Infinitivs geforderten – Ergänzungen (cf.: l'avere davanti significata la sua venuta). Salvi (1983: 243) unterscheidet generell zwischen "l'uso nominale e l'uso verbale dell'infinito preceduto da articolo" (nominaler und verbaler Gebrauch des durch einen Artikel eingeleiteten Infinitivs). Als typische Eigenschaften des "infinito nominale" nennt er etwa dessen Verbindung mit einem nachgestellten Adjektiv ("aggettivo posposto") und/oder das Vorhandensein eines durch eine Präposition angeschlossenen Subjekts ("soggetto preposizionale") (cf. Salvi 1983: 244–247):
Im Gegensatz dazu zählen beispielsweise Formen des "infinito passato" (s. o.), Anhebungskonstruktionen ("costruzioni a sollevamento", Raising), die Modifikation durch ein Adverb sowie das Vorhandensein klitischer Pronomina zu den verbalen Merkmalen des Infinitivs. Cf.:
Was nun die verbale Verwendung der Konstruktion "Artikel + Infinitiv" betrifft, so können im Hinblick auf die unterschiedliche Kodierung des Infinitivsubjekts drei Typen differenziert werden: Der Konstruktionstyp in (27) (L'aver Piero ricercato la verità) stellt nach Salvi (1983: 251) die kanonische Form aller Sätze/Phrasen dar, die ein infinites Verbum und ein lexikalisches Subjekt aufweisen (cf. Rizzi 1982, Kap. III). Cf. in diesem Zusammenhang das nächste Beispiel:
Die Infinitivphrase (un aver Piero rubato due milioni) weist einen hohen Informationsgehalt auf, das heißt, sie stellt den rhematischen Teil der Äußerung dar, wobei die existentielle Gegebenheit des durch sie bezeichneten Sachverhalts vom Sprecher präsupponiert wird:
Auch bei Substitution des indefiniten durch einen definiten Artikel (= Präsuppositions-auslöser) bleibt die Konstruktion inakzeptabel:
In ihrer Funktion als Modus der Nicht-Mitteilung kann die Infinitivphrase des Typs "Artikel + Infinitiv + Subjekt" prinzipiell keine Äußerungsteile beinhalten, die sich auf ein Faktum beziehen und gleichzeitig rhematisch sind. Cf. dazu aber das folgende altitalienische Beispiel:
Die durch einen bestimmten Artikel eingeleitete Infinitivphrase mit explizit genanntem Subjekt (el non avere loro cardinali) weist einen hohen Mitteilungswert auf. Dennoch fungiert auch in diesem Falle der Infinitiv als Modus der Nicht-Mitteilung, da der Sprecher den durch die Infinitivphrase kodierten Sachverhalt nicht behauptet, sondern dessen existentielle Gegebenheit präsupponiert. Im Allgemeinen sind Phrasen des Typs "Definiter Artikel + Infinitiv + Subjekt"jedoch durch Thematizität bzw. durch einen geringen Mitteilungswert gekennzeichnet (cf. noch einmal Bsp. 2225). Da thematische Elemente generell Richtung Satzanfang tendieren, steht auch die (thematische) Infinitivphrase im Allgemeinen vor dem Prädikat (cf. Salvi 1983: 252). Also:
aber nicht:
Man betrachte diesbezüglich auch die zwei nächsten Beispielsätze (Salvi 1983: 249, 252):
In beiden Fällen stellt die durch den indefiniten Artikel eingeleitete Infinitivphrase den rhematischen Äußerungsteil dar. Der Unterschied zu (30) besteht jedoch darin, dass die Infinitivphrase kein explizit genanntes nachgestelltes Subjekt enthält und dass der Sprecher die Gegebenheit des durch die Infinitivphrase bezeichneten Sachverhalts nicht präsupponiert. Cf. dazu Salvi (1983: 252): Cf. dazu auch die folgenden altitalienischen Beispiele, die Ähnlichkeiten mit dem bisher beschriebenen Konstruktionstyp (Definiter Artikel + Infinitiv + Subjekt) aufweisen: Durch die Einbettung in eine Infinitivphrase werden bestimmte Äußerungsteile als nicht-assertierend und folglich als thematisch gekennzeichnet. Die Infinitivphrase selbst ist von einem Ausdruck der subjektiven Bewertung abhängig, der das Mitteilungszentrum (Rhema) der Äußerung darstellt. Der Infinitiv fungiert somit als Modus der Nicht-Mitteilung, wobei das (unpersönliche) Infinitivsubjekt explizit kodiert und dem Infinitiv nachgestellt wird13:
Nach Segre (1991: 118) können Infinitivphrasen mit einem explizit kodierten unpersönlichen Subjekt (uomo) nicht als Subjektsätze im eigentlichen Sinne verstanden werden: 7 Schlussbemerkung mit einigen Anmerkungen zum Grundwert des KonjunktivsDie vorliegende Arbeit hat gezeigt, dass die Infinitivkonstruktion des Typs "Definiter Artikel + Infinitiv + Subjekt" pragmatisch-kommunikative Gemeinsamkeiten mit dem thematischen Konjunktiv aufweist. In den zitierten Beispielen wurden einzelne Äußerungsteile durch ihre Einbettung in eine Infinitivphrase als nicht-assertierend (cf. Assertion vs. Präsupposition) gekennzeichnet. In diesem Sinne fungiert der Infinitiv (mit Artikel) gewissermaßen als Modus der Nicht-Mitteilung. Diese syntaktisch-pragmatische Funktion des Infinitivs wird gerade an seiner sogenannten "Doppelnatur" offensichtlich, steht er doch sowohl formal als auch funktional zwischen Nomen und Verbum. Als nominale Eigenschaft wurde neben dem Merkmal [– finit] beispielsweise die Verbindung mit einem Artikel genannt. Zu den verbalen Charakteristika zählen u. a. die im Altitalienischen übliche explizite Kodierung des Infinitivsubjekts sowie das Vorhandensein von Infinitivergänzungen (Komplementen). Cf. Gsell/Wandruszka (1986: 2): Diese Funktion, "etwas zu nennen, ohne zu prädizieren", erfüllt in vergleichbarer Weise auch der thematische Konjunktiv. Als Kennzeichen thematischer Äußerungselemente versprachlicht er gerade jene Inhalte, die nicht das Mitteilungsziel – also das, was der Sprecher primär kommunizieren möchte – darstellen (= Modus der Nicht-Mitteilung; z.B.: Je suis content [Rhema] que tu sois venu[Thema/thematischer Konjunktiv]). Was den Konjunktiv im Allgemeinen (nicht nur den thematischen Konjunktiv) betrifft, so hat die Suche nach einem möglichen (übereinzelsprachlichen) Grundwert unterschiedlichste Definitionen hervorgebracht, wobei "bislang jedoch alle Versuche, diesen Grundwert genau zu bestimmen und allgemein akzeptiert zu formulieren, gescheitert sind" (Hummel 2001: 49). Cf.: Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob ein Sachverhalt tatsächlich eingetreten ist oder nicht, sondern vielmehr "wie der Subjunktiv diesen Sachverhalt im Unterschied zum Indikativ präsentiert" (Hummel 2001: 96). Cf. dazu Kalepky (1928: 71): Die Auffassung, ein möglicher Grundwert des Subjunktivs bestehe in seiner Funktion als Modus der Nicht-Mitteilung, ist freilich nicht neu und kann auf einen bereits von Kalepky und Lerch (et al.) ausgearbeiteten "psychologischen Ansatz" zurückgeführt werden 14. Lerch spricht nicht von thematischem Konjunktiv, sondern verwendet stattdessen den Ausdruck Konjunktiv des psychologischen Subjekts (unter psychologischem Subjekt sind die dem Hörer bereits bekannten, thematischen Äußerungselemente zu verstehen) (cf. Lerch 1920: 339). Auch die von Gsell/Wandruszka (1986: 21) vorgeschlagene negative Bestimmung des Grundwertes basiert auf syntaktisch-pragmatischen Kriterien: Der Subjonctif und allgemein der romanische Konjunktiv tritt nicht in Sätzen auf, die ein Faktum wiedergeben und zugleich rhematisch sind (als Mitteilungsziel fungieren). Cf. Hummel (2001: 46): Die Unterscheidung zwischen assertorischen und nicht-assertorischen Äußerungen findet sich auch bei Lavandera. Cf. dazu Palmer (1986: 17): In a similar way Lavandera (1983: 211), with specific reference to the subjunctive in Spanish, distinguishes [+ assertive] and [– assertive] utterances, and says that utterances in the subjunctive "do not refer to states or events whose occurrence is questionable, or just feared, wished, doubted, etc., but to "states of affairs" whose occurrence could easily be denied or affirmed, but is instead left unasserted". 8 FazitEine wesentliche gemeinsame kommunikationsspezifische Funktion von Infinitiv und (thematischem) Konjunktiv besteht darin, Äußerungsteile als Nicht-Mitteilung und folglich als thematisch zu kennzeichnen. Parallel zum thematischen Konjunktiv kann man daher auch von einem thematischen Infinitiv sprechen: Der Infinitiv, das heißt die Infinitivphrase des Typs "Definiter Artikel + Infinitiv + Subjekt", stellt – ebenso wie der thematische Konjunktiv – ein morphosyntaktisches Mittel zur Thematisierung eines Satzes bzw. eines bestimmten Äußerungsteiles dar. Anmerkungen1 Cf. Mayerthaler/Fliedl/Winkler, Infinitivprominenz in europäischen Sprachen, 5.3.5.4. "Zur Doppelnatur einiger Infinitivkonstruktionen im Italienischen und Altfranzösischen": 134–139. zurück 2 Die Beispiele stammen aus Jansen/Polito/Strudsholm, "Dialogo vago sull'infinito e altro": 13. zurück 3 Cf. Skytte, La sintassi dell'infinito in italiano moderno: 16. zurück 4 Hinsichtlich der Subjektseigenschaften des Nomens im Dativ cfr. Franks 1995: 253–256. zurück 5 Cf. dazu auch Winkler, Modus und Modalität im Italienischen am Beispiel von Infinitiv und Konjunktiv. zurück 6 Die generelle Abfolge "Thema vor Rhema" lässt sich nicht nur im einfachen Satz, sondern auch innerhalb des Satzgefüges beobachten. zurück 7 Inwieweit man Phrasen, die keine finite Verbform enthalten, als Nebensätze bezeichnen kann, ist eine Frage der Definition. Da solche Phrasen jedoch die syntaktische Funktion eines Nebensatzes erfüllen, sollen sie auch weiterhin unter diesem Terminus subsumiert werden. Infinitivhaltige Phrasen werden im Folgenden auch als "Infinitivphrasen" bezeichnet. zurück 8 Zitiert aus: Reumuth/Winkelmann, Praktische Grammatik der italienischen Sprache: 220. zurück 9 Die Beispiele (17) – (19) stammen aus: Wandruszka, "Nochmals zum "thematischen" Konjunktiv": 343. zurück 10 Zitiert aus: Renzi/Salvi, Grande grammatica italiana di consultazione, Volume II: 476. zurück 12 Die Anhebungskonstruktion in (28) lässt sich aus dem
folgenden zugrundeliegenden Satz ableiten: 13 Zitiert bei: Segre, Lingua, stile e società. Studi sulla storia della prosa italiana: 117–119. zurück 14 Cf. Hummel, Der Grundwert des spanischen Subjunktivs, Kap. "Forschungsüberblick zum Grundwert des Subjunktivs": 31–33. zurück PrimärliteraturAlberti, Leon Battista, I libri della famiglia, a cura di Ruggiero Romano, Torino: Einaudi, 1972, 2. ed. (Nuova universale Einaudi; 102). Alberti, Leon Battista, Über das Hauswesen, übersetzt von Walther Kraus, Zürich u. a.: Artemis-Verlag, 1962 (Die Bibliothek der Alten Welt: Reihe Antike und Humanismus). Boccaccio, Giovanni, Decameron, übersetzt und herausgegeben von Peter Brockmeier, Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1988. Machiavelli, Niccolò, Il Principe, übersetzt und herausgegeben von Philipp Rippel, Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1986. Speroni, Sperone, Dialogo delle lingue, herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Helene Harth, München: Wilhelm Fink Verlag, 1975. SekundärliteraturBlumenthal, Peter (1987): Sprachvergleich Deutsch – Französisch. Tübingen. Franks, Steven (1995): Parameters of Slavic Morphosyntax. New York etc. Gsell, Otto/Wandruszka, Ulrich (1986): Der romanische Konjunktiv. Tübingen. Halliday, Michael A. K. (1985): An Introduction to Functional Grammar. London. Hummel, Martin (2001): Der Grundwert des spanischen Subjunktivs. Tübingen. Jansen, Hanne/Polito, Paola/Strudsholm, Erling (2002): "Dialogo vago sull'infinito e altro." In: Jansen, Hanne et al. (eds.) (2002): L'infinito & oltre. Omaggio a Gunver Skytte. Odense: 9–28. Kalepky, Theodor (1928): "Verwechslung von Grundbedeutung und Gebrauchsweise in der französischen Tempus- und Moduslehre." Zeitschrift für Romanische Philologie 48: 53–74. Lavandera, Beatriz R. (1983): "Shifting moods in Spanish discourse." In: Klein-Andrew, Flora (ed.) (1983): Discourse perspectives on syntax. New York: 209–236. Lerch, Eugen (1920): "Der Konjunktiv des psychologischen Subjekts im Französischen." Die neueren Sprachen 27: 338–344. Mayerthaler, Willi/Fliedl, Günther/Winkler, Christian (1993): Infinitivprominenz in europäischen Sprachen. Teil I: Die Romania (samt Baskisch). Tübingen. Maurice, Florence (1996): Der modale Infinitiv in der modernen russischen Standardsprache. München. Palmer, Frank Robert (1986): Mood and Modality. Cambridge. Ramat, Paolo (2002): "La natura dell'infinito." In: Jansen, Hanne et al. (eds.): L'infinito & oltre. Omaggio a Gunver Skytte. Odense: 409–417. Renzi, Lorenzo/Salvi, Giampaolo (eds.) (1991): Grande grammatica italiana di consultazione. Volume II, I sintagmi verbale, aggettivale, avverbiale. La subordinazione. Bologna. Reumuth, Wolfgang/Winkelmann, Otto (1993): Praktische Grammatik der italienischen Sprache. 4. Auflage, Wilhelmsfeld. Rizzi, Luigi (1982): Issues in Italian Syntax. Dordrecht. Salvi, Giampaolo (1983): "L'infinito con l'articolo." In: Franchi De Bellis, Annalisa/Savoia, Leonardo M. (eds.) (1985): Sintassi e morfologia della lingua italiana d'uso. Teorie e applicazioni descrittive. Atti del XVII congresso internazionale di studi, Urbino. Rom: 243–268. (= Pubblicazioni della Società di Linguistica Italiana 24) Segre, Cesare (1991): Lingua, stile e società. Studi sulla storia della prosa italiana. Milano. Skytte, Gunver (1983): La sintassi dell'infinito in italiano moderno. Vol. I–II. Kopenhagen. Terrell, Tracy/Hooper, Joan (1974): "A Semantically Based Analysis of Mood in Spanish." Hispania 57: 484–494. Togeby, Knud (1983): Grammaire française. Volume III: Les Formes Impersonnelles du Verbe et la construction des verbes. Études Romanes de l'Université de Copenhague. Tschida, Alexander (1995): Kontinuität und Progression. Entwurf einer Typologie sprachlicher Information am Beispiel des Französischen. Wilhelmsfeld. Vallauri Lombardi, Edoardo (1996): La sintassi dell'informazione. Uno studio sulle frasi complesse tra latino e italiano. Roma. Wandruszka, Ulrich: "Nochmals zum 'thematischen' Konjunktiv." In: Heinz, Sieglinde/Wandruszka, Ulrich (eds.) (1982): Fakten und Theorien. Festschrift für Helmut Stimm. Tübingen: 343–351. Winkler, Christian (1993): Modus und Modalität im Italienischen am Beispiel von Infinitiv und Konjunktiv. Diplom-Arbeit, Universität Klagenfurt. Wunderli, Peter (1976): Modus und Tempus. Beiträge zur synchronischen und diachronischen Morphosyntax der romanischen Sprachen. Tübingen. |
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