Linguistik online 4, 3/99



Die Pluralbildung im Deutschen - ein Versuch im Rahmen der Optimalitätstheorie

Heide Wegener (Potsdam)



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Die Pluralbildung im Deutschen(1) ist nicht chaotisch, aber komplex. Unabhängig davon, ob man für die Pluralbildung Regeln, Schemata oder die Wortstruktur als Erklärungsmodell benutzt, bleibt die Tatsache einer beachtlichen Zahl miteinander konkurrierender Formen zu erklären. Dies gilt schon deshalb, weil die Variation unter den Pluralformen wohl mit dazu beiträgt, dass trotz der Arbeiten von Mugdan 1977 und Köpcke 1987, 1993, der klaren Darstellung des Pluralsystems in vielen Grammatiken, z.B. Eisenberg 1986, 1989, 1998 noch immer bisweilen die Meinung besteht, die Pluralbildung im Deutschen sei arbiträr(2).

Im Folgenden soll gezeigt werden, dass das Pluralsystem des Deutschen nach Beschränkungen aufgebaut ist, die morphologischer und silbenphonologischer Natur sind und sich im Rahmen der Optimalitätstheorie (OT) beschreiben lassen. Die OT nimmt an, dass Wortformen universalen Beschränkungen (Constraints) unterliegen, und dass diese prinzipiell verletzbar sind. Ich werde zunächst die für die Pluralbildung relevanten Beschränkungen definieren, dann an heimischen Pluralformen und -varianten ihr Zusammenwirken zeigen und schließlich den Assimilationsprozess von Fremdwörtern mit Hilfe dieser Beschränkungen und der Beschränkungshierarchien zu erklären versuchen. Daran werden schließlich Überlegungen zu Verarbeitung und Lernbarkeit der Pluralformen geknüpft.
 

1.1 Die Varianten der Pluralbildung

Als Pluralvarianten gelten hier alle Pluralformen, die zu einem bestimmten Singularstamm gebildet werden können, zunächst unabhängig von dessen Eigenschaften wie Genus, Semantik und/oder Wortklasse. Von völlig undurchsichtigen, nur mit Hilfe etymologischen oder fremdsprachlichen Wissens interpretierbaren Formen wie Aposteriori, Fundus, Examina, Atlanten, Kommata sehe ich hier ab. Sie werden in der vorliegenden Arbeit nicht behandelt. Diese Formen sind ohne Zweifel im Lexikon gelistet, die Singularform kann ohne spezielles Wissen nicht erschlossen, die Pluralform nicht nach einer Regel, einem Schema oder einem "Wortdesign" (Neef 1998) gebildet werden. Formen wie Muttis, Gene, Laptops, Computer werden dagegen hier behandelt, auch wenn sie nur teilweise dem deutschen Pluralsystem entsprechen. Sie sind gerade für die Frage interessant, welche Beschränkungen im heutigen Deutsch gelten und die Assimilierung von Fremdwörtern an das Forminventar des nativen Wortschatzes regeln.

Für jeden Variationstyp führe ich hier nur einige Beispiele an und verweise auf den Anhang. Die konkurrierenden Formen sind für eine Beschreibung im Rahmen der OT interessant, da diese annimmt,  dass Beschränkungen für die Bildung bestimmter Formen, darunter Flexionsformen, prinzipiell verletzbar und untereinander hierarchisiert sind, cf. Archangeli 1997, Russell 1997, Féry 1997. Ferner geht die OT davon aus, dass auch die Regelhierarchien nicht stabil sind, sondern variieren und sich im Lauf der Sprachgeschichte verändern können. Aus OT-Sicht ist Variation also zu erwarten und erklärbar.

1. Semantisch motivierte Variation:

1a) Die Varianten dienen synchron zur Unterscheidung von Homonymen: Muttern-Mütter, Banken-Bänke, Schilde-Schilder.

Die Varianten können häufig durch Flexionsklassenwechsel erklärt werden. Etwa war Bank ('Sitzmöbel') maskulin und wurde im Sog des aus Italien importierten Wortes für das Geldinstitut feminin, behielt aber seinen Plural bei. Die auch im Singular für Feminina phonologisch auffälligen Nomen Mutter und Hand gehen auf untergegangene Flexionsklassen zurück. Eine solche diachrone Erklärung soll hier aber nicht im Vordergrund stehen, was nicht ausschließt, dass sich aus der Diachronie wichtige Hinweise zur Entstehung und Funktionalität der synchronen Formen ergeben.

1b) Die Varianten dienen zur Unterscheidung von Appellativen bzw. Produktnamen und Eigennamen: Männer-Manns, Holzmänner(3) - Holzmanns, Schmiede-Schmieds, Opel-Opels, Duden-Dudens, Vögel-Vogels, Katzen-Katzens, Schulzen-Schulzens.

Die s-Formen sind Familiennamen, die nativen Formen Appellativa, darunter Produktnamen und Bezeichnungen für Firmenangehörige. Die Produktnamen insbesondere befinden sich im Übergangsbereich zwischen Eigennamen und Appellativa.

2. Stilistische Variation:

Die Varianten, die nur teilweise bedeutungsdifferenzierend sind, gehören unterschiedlichen Sprachschichten(4) an: Grabmale-Grabmäler, Worte-Wörter, Bande-Bänder.

3. Diastratische Variation:

Die Varianten beruhen auf regionalspezifischen Beschränkungen, die Unterschiede zwischen dem Süden und dem Norden sowie zwischen dem Osten und dem Westen des deutschen Sprachgebiets aufzeigen. Sie machen deutlich, dass in der jeweiligen Sprachvarietät andere Beschränkungen gelten bzw. dass diese anders gewichtet sind, und sind deshalb für die vorliegende Untersuchung besonders interessant.

a) Süden(5) - Norden: Skier-Ski, Beiner-Beine, Bröter-Brote, Wägen-Wagen, Onkeln-Onkel, Pärke(6) - Parks, Karusselle-Karussells, Onkel-Onkels, Jungen-Jungs.
b) Osten - Westen: Parke-Parks, Pointe-Points, Taxen-Taxis, LPGen-LPGs

4. Diachrone Variation:

Die Varianten sind bedingt durch a) Veränderungen im deutschen Flexionssystem, die die Ausbildung eines neuen Pluraltyps erforderten, b) den Abbau dieses Notplurals und Anpassung von dessen Formen an die Norm, c) die Anpassung von Fremdwörtern an das deutsche Flexionssystem (cf. Paul 1917, Curme 1922), hier einige von zahlreichen Belegen:

a) (Ebers)Walde-Wälder, Lichte-Lichter, Gesichte-Gesichter, Manne-Männer
b) Sträußer-Sträuße, Dinger-Dinge, Rester-Reste, Wichter-Bösewichte, Regimenter-Regimente
c) Lazaretter-Lazarette, Testamenter-Testamente, Generals-Generäle(7), Onkels-Onkel, Balkons-Balkone, Lifts-Lifte, Fracks-Fräcke, Kostüms-Kostüme(8), Defizits-Defizite, Ville-Villas, Pizze-Pizzas, Motti-Mottos, Celli-Cellos
Themata-Themas, Kommata-Kommas
Mensas(9)-Mensen, Basilikas-Basiliken, Divas-Diven, Villas-Villen, Pizzas-Pizzen, Schemas-Schemen, Themas-Themen, Astas-Asten(10)
Kontos-Konten, Freskos-Fresken, Risikos-Risiken
Sozis-Sozen, Taxis-Taxen
Globusse-Globen, Albums(11)-Alben
Keks-Kekse, Straps-Strapse
 

5. Synchrone Variation:

Bei folgenden Formen ist unklar, ob es sich um Formen handelt, die a) relativ neu entlehnt sind, erst am Beginn des Nativierungsprozesses stehen, also eine native Pluralform erst ausbilden müssen, oder ob b) eine native Pluralform durch eine andere Pluralform ersetzt wird: Jungen-Jungens, Onkel-Onkels, Mädel-Mädels, Bräutigame-Bräutigams, Lifts-Lifte, Labors-Labore, Scheichs-Scheiche.
 

1.2 Der Ansatz der OT

Die Formvarianten in 1 sind semantisch motiviert und dürften dadurch relativ stabil sein. Auch die Formen in 5 bestehen teilweise schon lange: Paul 1917:182 führt Bubens, Briefleins, Mädchens u.a. von Goethe, Pfarrers von Schiller an. Die Formen in 3 sind innerhalb eines Teilgebiets der deutschen Sprache relativ stabil, obwohl sie dem Druck der standarddeutschen Norm ausgesetzt sind. Für beide stellt sich die Frage, welche Beschränkungen dafür verantwortlich sind, 1. dass überhaupt unterschiedliche Formen entstehen, 2. dass genau diese Formen gebildet werden, und 3. welchen Rang die Beschränkungen haben.

Alle Formen sind also für die Frage, welche Beschränkungen für die Pluralbildung im heutigen Deutsch gelten, interessant. Wenn die Formen in 4 und 5 dadurch erklärt werden können, dass sie relativ neu entlehnt sind, so wäre zu erwarten, dass sie in mehr oder weniger kurzer Zeit eine native Pluralform ausbilden, und es fragt sich, welche das sein wird. Interessant ist dann, welche Beschränkungen für die jetzige Form und welche für die Bildung der neuen, der nativen Form gelten, welche folglich einen höheren Rang auf der Hierarchie der Beschränkungen einnehmen.

Des Weiteren erhebt sich dann die Frage, welche Ursache der Veränderung in der Beschränkungshierarchie zugrunde liegt. Wenn für diese Formen gilt, dass eine native Form durch eine andere bzw. durch -s ersetzt wird, dass es sich folglich um bloße Schwankungen handelt, so stellt sich ebenfalls die Frage, welche Beschränkungen die jeweiligen Formen regeln und was das für die Neubildung der Formen und für die Hierarchie der Beschränkungen besagt. Die konkurrierenden Formen zeigen, dass die Pluralbildung im Deutschen komplexer als im Englischen oder Spanischen ist. Das bedeutet weder, dass sie arbiträr ist noch dass es nur einen Regelplural, nur einen Defaultwert gibt und dass alle anderen Formen irregulär sind, wie einige Vertreter der kognitiven Linguistik annehmen (so Wiese 1996, Clahsen et al. 1992, 1995, Wunderlich/Fabri 1995, Marcus et al. 1995). Die wichtigsten Prinzipien der Pluralbildung sind seit langem bekannt (cf.  z. B. Bech 1963, Wurzel 1970, Mugdan 1977, Eisenberg 1986, 1989, 1995, Wegener 1991, 1992, 1995, Bornschein/Butt 1987). Sie lassen sich im Rahmen der OT mit Hilfe silbenphonologischer und morphologischer Beschränkungen (siehe unten) teilweise präziser erfassen und anschaulich darstellen.

Als Merkmale oder Kriterien, die für die Pluralbildung eine steuernde Rolle spielen, kommen im Deutschen in Frage:
 


1.2.1 Die Pluralsuffixe und die Pluralformen

Für die Pluralbildung stehen im heutigen Deutsch vier Pluralsuffixe zur Verfügung, und zwar (e), (e)n, er, s. Die beiden ersteren bilden Allomorphe mit und ohne Schwa, die phonologisch bedingt und strikt komplementär verteilt sind. Die Wahl zwischen Ø und -e (+/­ Umlaut) einerseits, die zwischen -n und -en andererseits ist vorhersagbar. Seit Curme 1922, Bech 1963, Wurzel 1970, Mugdan 1977, Kloeke 1982, Eisenberg 1986, Wegener 1995 wird dies als Schwa-Tilgung erklärt: Das -e des Pluralflexivs wird getilgt, wenn es auf eine schwahaltige Silbe folgt, wobei diese offen oder geschlossen sein kann, in letzterem Fall aber nur durch einen Liquid oder Nasal geschlossen sein darf.(12) Da der er-Plural regelhaft umlautet, stellt auch er nur ein Pluralsuffix dar.

Wir haben es also mit folgenden fünf Pluralformen zu tun:

1. Bank
Amp
-en
el-n
2. Hund
Pend
-e
el
3. Flöh
Vög
-e
el
4. Kind
Wäld
-er
-er
5. Oma -s
Schwa-Tilgung erfolgt nicht, wenn das Wort auf eine schwere Silbe mit -e oder eine Silbe mit einem anderen Vokal auslautet. Soweit erfasst die Annahme von Schwa-Tilgung sämtliche nativen Pluralformen,(13) die zweisilbigen Hunde, Engel, Käse, Ampeln ebenso wie die drei- und viersilbigen: Abende, Gegenden, Barbaren, Nachfahren, Doktoren, Leichname, Bräutigame, Nachtigallen vs Kartoffeln.

Neef 1998 schlägt stattdessen die Annahme einer Reduktionssilbe vor, die ein Schwa als Kern enthält und infolgedessen nicht betonbar ist. Das erfordert als Zusatzannahme für Substantive wie Abend, Gegend, dass die Reduktionssilbe auf einen Sonoranten auslautet, weil sonst Schwa-Epenthese wie bei Hunde erfolgt: Abende, Gegenden. Die Annahme von Schwa-Tilgung kommt dagegen ohne eine solche Zusatzannahme aus und ist folglich als einfacher vorzuziehen. Wiese 1996:136 ff schlägt Schwa-Epenthese vor, geht also von Basismorphemen 0 bzw. -n aus, die durch Epenthese zu -e bzw. -en erweitert werden. Diese Annahme setzt einen sehr weiten Epenthesenbegriff voraus, denn als Epenthese gilt i. a. (cf. Bußmann 1990) die automatisch erfolgende, phonotaktisch bedingte Ein- oder Anfügung eines Segments.

Nun lässt sich für Schulden vs Ampeln nicht klar entscheiden, ob Epenthese oder Schwa-Tilgung erfolgt, aber bei Formen wie Knie, Feen, in denen kein Konsonant vorhanden ist, der die Epenthese auslösen könnte, erscheint der Epenthesenbegriff fragwürdig (cf. hierzu auch Kloeke 1982, Eisenberg 1991). Im Vergleich mit der traditionellen Annahme von Schwa-Tilgung ist auch nicht zu erkennen, inwiefern die Schwa-Epenthesenlösung die weniger aufwendige sein soll, denn beide Verfahren führen zum selben Ergebnis, einer Reduktion der Pluralsuffixe auf vier. Zudem wird die Epenthesenlösung den empirischen Fakten nicht gerecht: Wenn -n die Grundform des Flexivs -en ist, so wäre zu erwarten, dass Pluralformen wie *Oman, *Villan, *Konton gebildet werden, für die in Sultan, Kaftan, Kanon Muster vorliegen. Wenn außerdem, wie gerade Wiese 1996 annimmt, der s-Plural der Defaultplural des Deutschen ist und Epenthese als das günstigste und am wenigsten aufwendige Verfahren bereit steht, so fragt sich, warum wir dann nicht genau wie im Englischen, nach dessen Modell die Pluralbildung des Deutschen von Wiese 1996 beschrieben wird, die Pluralformen *Bosses und *Busses haben, und bei Familiennamen (für die Namen Groß, Kunz) die Formen *Großes, *Kunzes. Sie sind im Deutschen aber als Pluralformen ungrammatisch. Ich halte deshalb an der Annahme von Schwa-Tilgung fest.

Die einzigen Ausnahmen für die Annahme von Schwa-Tilgung sind auch für die Schwa-Epenthese ein Problem: Bei Nachbar, Ungar tritt -n auf, obwohl die Endsilbe ein a und kein e enthält. Diese Ausnahme kann dadurch erklärt werden, dass das Endsilben-er (Bauer, Vetter) besonders in Norddeutschland wie der hintere Zentralvokal artikuliert wird (cf. König 1989:118) und damit dem a in Nachbar sehr ähnlich ist. Im Unterschied zu Nachfahren ist die erste Silbe nicht lang, könnte also bei *Nachbaren keinen eigenen Fuß bilden.

Ziel der Pluralbildung mit Schwa-Tilgung ist ein (mindestens) zweisilbiges Wort, idealiter ein Trochäus, womit "die kanonische Struktur mit betonter und unbetonter Silbe" erreicht wird (Eisenberg 1991:48, Féry 1997). Allerdings entstehen dadurch neue Verletzungen hinsichtlich der Morphemgrenzen:

Die nativen Pluralsuffixe lauten stets vokalisch an, haben darin ein gemeinsames Merkmal, das sie außerdem mit Derivationssuffixen teilen, welche vorzugsweise vokalisch anlauten. Das bewirkt nach den Silbenbaugesetzen Vennemanns 1988, dass sie "phonologisch mit der Basis verschmelzen können. Die resultierende Morphemgrenze des suffigierten Stamms fällt dann nicht mit der Silbengrenze zusammen" (Fuhrhop 1998:93). Die Pluralformen unterscheiden sich dadurch phonologisch nicht von Singularformen, wie Reimpaare zeigen (Hunde - Runde, Hallen - Ballen, Löcher - Köcher), ja sie realisieren den unmarkierten Fuß des Deutschen in idealerer Weise als diese, da es außer beim s-Plural keine einsilbigen Formen gibt.

Die Pluralformen sind trotzdem funktional, da sie innerhalb ihrer Flexionsklasse nicht mit gleichlautenden Singularformen konkurrieren. In Klasse 1 und 2, bei den Feminina und den schwachen Maskulina, gibt es keine Singularformen auf -en, in Klasse 3, der starken Flexion, gibt es fast keine auf -e (Ausnahme: Käse, Gebirge), und fast keine Neutra auf -er (Ausnahme: Fenster). Pluralformen wie Hunde, Jacken, Jungen, Kinder sind daher innerhalb ihrer Flexionsklasse distinkt. Das Deutsche erreicht also mit geringem Aufwand durchaus distinkte Pluralformen. Die unmarkierte Silbenstruktur der Pluralformen hat neben Vorteilen jedoch auch Nachteile.

Ein Nachteil liegt in der Verschmelzung der Morphemgrenzen von Singularstamm und Pluralsuffix und der damit verbundenen Verschiebung der Silbengrenze: Hund. - Hun.de, Kind. - Kin.der, Poet.- Poe.ten. Die Transparenz zwischen Singular und Plural ist dadurch beeinträchtigt, und dies hat Auswirkungen auf die Pluralisierung von Neologismen. Bei Ableitungen kann die Singularform aus den hochfrequenten Ableitungssuffixen erschlossen werden: Frei.hei.ten < Frei.heit. Nur für Substantive auf Pseudosuffix, das ja Schwatilgung im Pluralsuffix bewirkt, ist dagegen hohe Transparenz gesichert, die bis zur Identität gehen kann: Engel, Fenster. Hohe Transparenz wird also durch geringe bis nichtexistierende Distinktivität erkauft.

In OT-Untersuchungen ist es üblich, sämtliche denkbaren Formen (Kandidaten) durch die Beschränkungen zu überprüfen, die dann den optimalen Kandidaten auswählen. Es liegt also nahe, eine Beschränkung ST für Schwa-Tilgung anzunehmen und durch sie Formen wie *Engele, *Engelen, *Ampele, *Ampelen etc herausfiltern zu lassen. Da diese Regel aber von deutschen Pluralformen nie verletzt wird, würde durch sie die Darstellung nichts gewinnen und nur unnötig redundant. Ich führe daher diese Beschränkung und die Kandidaten, deren Scheitern durch die Schwatilgungsregel vorhersagbar ist, i.a. nicht an.

Da es im Deutschen drei Genusklassen und eine weitere Flexionsklasse für schwache Maskulina gibt, wären mit den vier Pluralsuffixen + Umlaut, der nur bei -e unrestringiert ist, theoretisch 20 verschiedene Pluralklassen bildbar. Jedoch sind keineswegs in jeder Flexionsklasse alle diese Formen möglich (siehe unten).
 

1.2.2 Die Flexions- und Genusklassen

a) Flexionsklassen

Ich gehe von der Annahme aus, dass sich die Pluralform aus Merkmalen des Singularstamms ableiten lassen muss, und setze voraus, dass die Flexions- und/oder Genusklassenzugehörigkeit dafür eine Rolle spielt: Wenn eine Sprache sich den Luxus leistet, ihren Wortschatz in unterschiedliche Flexionsklassen einzuteilen, so muss sie dafür Sorge tragen, dass diese Klassenausprägung gelernt und von Generation zu Generation weiter gegeben werden kann. Eine Möglichkeit hierfür bietet die Pluralbildung. Tatsächlich ist die Verteilung der vier Pluralsuffixe und des Umlauts nach Flexionsklassen geregelt, wie die statistische Verteilung zeigt.

Die Zahl der für die Pluralbildung relevanten Flexionsklassen ergibt sich aus der Genitivbildung, der einzigen Kasusform im Singular, die noch folgende Suffixe aufweist: -(e)s (einschließlich -ens) für starke Maskulina und Neutra, -(e)n für schwache Maskulina und Ø für Feminina. Ob der Genitiv auf -s, -es oder -ens (Herzens) gebildet wird, ist ein Problem der Kasusflexion, nicht der Pluralbildung, und bleibt hier folglich unberücksichtigt. Abgesehen von unterschiedlicher Präferenz für den Umlaut und für den er-Plural (siehe unten), unterscheiden sich die Maskulina und Neutra der starken Flexion nicht, daher lassen sich die Pluralformen in zwei Genusklassen einteilen, in Feminina und Nichtfeminina. Es gibt jedoch eine weitere, für die Pluralbildung relevante Klasse, die zudem absolut reguläre Pluralbildung aufweist, die schwachen Maskulina, die an dem semantischen Merkmal der Belebtheit und/oder dem Auslaut auf Schwa-Silbe oder betonter Endsilbe erkennbar sind: Junge - Student.

Für die Pluralbildung sind für das heutige Deutsch also drei Flexionsklassen anzunehmen:

Klasse 1: Feminina
Klasse 2: schwache Maskulina
Klasse 3: starke Maskulina und Neutra.
Meine Einteilung beruht auf der Überlegung, dass die Pluralformen relevant für die Flexionsklassen und durch diese determiniert sind, dass also zwischen der Flexionsklasse, erkennbar am Genitiv Singular, und der Pluralform ein implikatives Verhältnis besteht (cf. Wurzel 1984:174).

Zwei Pluralsuffixe sind strikt flexionsklassenspezifisch: -er tritt nur in Klasse 3 auf. Wenn wir den Umlaut berücksichtigen, gilt dies auch für den Ø-Plural, der ohne Umlaut ebenfalls nur in dieser Klasse auftritt.

Rein statistisch gesehen kann für jede Flexionsklasse ein eindeutiger Defaultwert festgestellt werden, diesen betrachte ich als den unmarkierten oder regulären Plural dieser Klasse, siehe Tabelle 1.(14)

Tabelle 1: Plural und Flexionsklassen nach Wörterbucheinträgen = Typefrequenz, N = 6505 (Pavlov 1995:44ff)
 
Fem (2726) sw M (458) st MN (3321)
(e)n "(e) s (e)n (e)n (e) "(e) "er s
96,6 1,1 1,7 100 3,3 70,2 7 1,5 16,3
78,7
99,4 (15) 98,3(16)

Die Zahlen für die Typefrequenz bestätigen meine Annahme, dass es für jede Flexionsklasse (FK) eine vorhersagbare reguläre Pluralbildung gibt, das ist -(e)n für die Feminina und die schwachen Maskulina sowie -(e) für die starken Maskulina und Neutra. Darüber hinaus gibt es in Klasse 1 und 3 jeweils konkurrierende Formen in Nebenklassen, zwei in Klasse 1 und vier in Klasse 3, aber keine in Klasse 2. Insofern haben wir insgesamt 9 Pluralklassen,drei für die Feminina, eine für die schwachen Maskulina und fünf für die starken Maskulina und Neutra.

Die FK-Spezifik der Pluralformen geht aus der folgenden Graphik hervor:

Feminina bilden ihren Plural zu 96,6 %, die schwachen Maskulina zu 100 % auf -(e)n, starke Maskulina und Neutra zu 70 % auf -(e). Da -"e und -er flexionsklassenspezifisch sind, bilden 78,7 % dieser Klasse einen für sie typischen Plural.

Der Rest verteilt sich bei den Feminina auf -"(e) und zu einem ganz geringen Teil auf -s. Bei den Feminina werden Formen wie Villen unbeschadet ihrer Stammflexion zum Regelplural gezählt und nicht als eigene Klasse angesehen (zur Tilgung des auslautenden -a, siehe unten). Die "(e)-Formen sind bei den Feminina klar eine Ausnahme, da sie nicht vorhergesagt werden können. Sie umfassen umgelautete sowie die wenigen nichtumgelauteten Formen der Ableitungen auf -nis, einem Suffix, das vorwiegend Neutra ableitet, Kenntnisse. Da diese nicht umlautfähig sind, stellen sie keine Ausnahme innerhalb dieser Klasse dar, genausowenig wie die nicht umgelauteten er-Pluralformen vom Typ Kinder eine Ausnahme zu den umgelauteten (Bücher) bilden. Dass die ersteren keinen Umlaut bilden, braucht nicht extra gelernt zu werden, insofern besteht hier keine Irregularität.(17) Allerdings kann daraus keine nichtzirkuläre Regel abgeleitet werden, da sich für die Umlautbereitschaft keine unabhängige Evidenz etwa aus der Diminutivbildung ergibt: Hündchen - Hunde, Ührchen - Uhren.

Bei den Maskulina und Neutra ist das Bild heterogener, außer dem Regelplural -(e) gibt es Formen mit (e) + Umlaut und mit -er, die jedoch auch flexionsklassenspezifisch sind. Die Formen auf -(e)n (Augen, Ohren, Betten, Muskeln), die im Singular nicht schwach flektieren, sind dagegen hier klar eine Ausnahme, auch statistisch: 3,3 %.

Die Formen auf -s sind, wie die Zahlen für die Typefrequenz zeigen, in ebenso starker Weise genusgesteuert wie die anderen, und könnten danach auch als typische Pluralformen für Klasse 3 gewertet werden. Auch der s-Plural ist offensichtlich flexionsklassengesteuert (daran ändert auch die heutige i-Ableitung nichts Wesentliches: Unter den von Féry 1997 untersuchten Bildungen sind nur 12% Feminina.): Von den 586 s-Pluralen im Wörterbuch gehören 92,3 % zu Klasse 3, und nur 7,7 % zu Klasse 1. Im Textkorpus ist das Verhältnis noch krasser: 96,2 % gehören zu Klasse 3, nur 3,8 % zu Klasse 1. Der s- Plural wäre dann nur bei den Feminina als Ausnahme anzusehen. Jedoch nehme ich nicht an, dass der s-Plural ein weiterer genusspezifischer Plural für starke Maskulina und Neutra ist. Wie die Zahlen für die Tokenfrequenz in Tabelle 2 und die Unterschiede zwischen Types und Token zeigen, ist der s-Plural einerseits hoch produktiv, andererseits in hohem Maße instabil. Zum Sonderstatus des s-Plurals siehe 2.4.

Tabelle 2: Plural und Flexionsklassen nach Textkorpus = Tokenfrequenz, N = 13587 (Pavlov 1995:48)
 
 
Fem (5303)  sw M (689) st MN (7595) 
(e)n  "(e)  (e)n  (e)n  (e)  "(e)  "er 
87,9 11,9  0,2  100 6,9  58,8 18,7 12,8 2,7 
    90,3  
100  99,9 

Die Tokenfrequenzwerte halte ich in Bezug auf Spracherwerb, Sprachentwicklung, Exemplarität der Pluralformen für die wichtigeren. Die Wörterbuchliste enthält auch Fremdwörter sowie hochspezialisierte Fachwörter und gewichtet diese ebenso stark wie hochfrequente native Pluralformen. Die Typewerte geben über das tatsächliche Vorkommen der Plualformen daher ein falsches Bild.

Der Unterschied zwischen den Type- und den Tokenwerten ist in den meisten Fällen beeindruckend und zeigt, dass die "irregulären" Pluralformen hochfrequent sind. Beim femininen "(e)-Plural ist das Verhältnis von Type zu Token fast 1:11, bei den er-Pluralen 1:8, beim Umlautplural in Klasse 3 noch 1:2,7, bei -(e)n in dieser Klasse beträgt er 1:2. Die Relation zwischen Type und Token geht aus Tabelle 3 hervor:

Tabelle 3: Type-Token-Quotient:
 
Fem
sw M

st MN
e)n 
"(e)
(e)n 
(e)n 
(e) 
"(e) 
"er 
0,9 
10,8
0,1 
2
0,8 
2,7
8,15
0,16 

Diese Zahlen für den TT-Quotienten lassen vermuten, dass die nicht dem Regelplural entsprechenden Formen trotz ihrer Nichtvorhersagbarkeit dann relativ leicht gelernt werden, wenn sie eine hohe Tokenfrequenz aufweisen, was für -"(e) bei Feminina und für -(er) durch Spracherwerbsdaten bestätigt wird (siehe unten).
 

b) Genusklassen

Klasse 3 enthält zwei Genusklassen, Maskulina und Neutra, die sich nicht völlig gleich verhalten. Der Umlaut beim (e)-Plural und der er-Plural leisten innerhalb dieser Klasse eine Binnendifferenzierung, wie folgende Werte zeigen:

"(e) : 93,9 % Types, 69,2 % Tokens sind Maskulina,
"er : 85,4 % Types, 74,4 % Tokens sind Neutra.

Ein umgelauteter (e)-Plural schließt also Neutra fast vollständig aus, ein er-Plural schließt Feminina definitiv aus und ist ein starkes Indiz für Neutra. Innerhalb der Klasse 3 lassen die Maskulina und die Neutra also unterschiedliche Präferenzen für entweder den umgelauteten (e)-Plural oder den er-Plural erkennen.

Die Pluralsuffixe -e, -"(e), -(e)n, -s treten zwar bei allen Genera auf:

e: F: Kenntnisse, N: Boote, M: Hunde,
"e: F: Hände, N: Flöße, M: Hüte,
"Ø: F: Mütter, N: Klöster, M: Väter,
en: F: Frauen, N: Ohren, M: Menschen,
n: Ecken, N: Enden, M: Erben,
s: F: Muttis, N: Autos, M: Opas,

jedoch in statistisch sehr unterschiedlicher Verteilung, wie die Tabellen zeigen, manchmal nur durch ein bis zwei Nomen belegt (Flöße, Klöster, Mütter/Töchter, Kenntnisse). Das bloße Vorkommen bei mehreren Genusklassen ist also keine Besonderheit des s-Plurals(18), bedeutet andererseits aber nicht, dass das Genus für die Pluralbildung keine Rolle spielt - die meisten Pluralformen sind genus- bzw flexionsklassengesteuert. Nur Klasse 2 korreliert zwar eindeutig mit nur einer Pluralform, die anderen beiden Klassen zeigen aber eindeutige Präferenzen für -(e) bzw. -(e)n, so dass ein "Dschungel" (so Neef 1998) hier keineswegs vorliegt. Die Pluralformen des Deutschen sind über die Substantive keineswegs verteilt wie Rosinen über einen Kuchen.

Die hohe Gewichtung der Genus- und Flexionsklassenzugehörigkeit zeigt sich auch an Flexionsklassenwechseln, die manche Substantive selbst um den Preis eines Ø-Plurals vornehmen: die Gruppe Funke, Gedanke etc. mit Erweiterung des Singulars, Stiefel, Ziegel mit Abbau des overten (e)n-Plurals; siehe unten zu Veränderungen im heutigen Deutsch.

Für die Abhängigkeit der Pluralformen von der Genus- bzw. Flexionsklasse des Substantivs nehme ich die Beschränkungen GK bzw FK an:

FK: Die Pluralform korrespondiert mit der Flexionsklasse des Singularstamms.
GK: Die Pluralform korrespondiert mit der Genusklasse des Singularstamms.

Eine Pluralform erfüllt FK, wenn sie in Klasse 1 und Klasse 2 auf -(e)n, in Klasse 3 auf -(e) oder -er lautet. Sie erfüllt in Klasse 1 und 2 dann zugleich GK. In Klasse 3 erfüllt sie darüber hinaus GK, wenn sie bei Maskulina auf -"(e), bei Neutra auf -er lautet, wenn sie die Genusklasse also anzeigt. Insofern ist GK in Klasse 3 eine engere Beschränkung als FK, in Klasse 1 und 2 fällt sie mit FK zusammen.

Die Beschränkung FK erklärt, warum wir Gabeln, aber Löffel, Messer haben, Rosen, aber Schuhe, Boote, die Beschränkung GK erklärt, warum wir Vögel, Füße bei den Maskulina, Bücher, Kinder vor allem bei den Neutra haben. Umlaut und er-Plural sind also nicht einfach irregulär, sondern GK-spezifisch: Füße ist ein typischerer Plural für Maskulina als Schuhe, Kinder ein besserer für Neutra als Pendel. Unter den Feminina ist Bänke dagegen eine Ausnahme, die jedoch nicht nur historisch erklärt werden kann (dazu siehe unten.). Die Beschränkungen FK und GK vereinfachen die Pluraldarstellung erheblich, sie befreien von der Annahme allzu vieler irregulärer Formen, die als im Lexikon gelistet vorgestellt werden, und von zirkulären Annahmen wie der, dass Amseln einen Plural auf -n bilde, weil es damit eine Beschränkung "N-Plural" erfülle (Neef 1998:260, Wunderlich 1999:13f). Nach meiner Darstellung haben Jagd, Amsel nicht deshalb einen Plural auf -(e)n, weil sie einer Beschränkung "N-Plural" folgen, sondern weil sie Feminina sind, entsprechendes gilt für Trecker, Engel, Hund. Diese bilden nicht den (e)-Plural, weil sie einer Beschränkung "RSP" (Reduktionssilbenplural) folgen, sondern weil sie maskulin sind.

Auch erübrigt sich die Annahme, dass die Pluralsuffixe durch Ableitungssuffixe lizensiert sind: Freiheit, Freundin, Zeitung bilden den en-Plural, weil sie Feminina sind, Lehrling, Kellner den (e)-Plural, weil sie starke Maskulina, Student, Germanist, Biologe den (e)n-Plural, weil sie schwache Maskulina sind. Eine Auflistung der Ableitungssuffixe belastet die Grammatik unnötig und erübrigt sich also.

Wenn der Umlaut bei Maskulina, der er-Plural bei Neutra aus GK folgen, so sind die entsprechenden Formen nicht einfach irregulär, und Umlaut bzw. er-Plural brauchen nicht als idiosynkratische Merkmale im Lexikon angenommen zu werden. Sie sind allerdings nicht vorhersagbar, sondern präferierte Formen, die unter bestimmten Bedingungen realisiert werden (dazu siehe unten).

Die Beschränkungen GK und FK sind außerdem unabhängig motiviert: Flexions- bzw. Genusklassenspezifik liegt auch bei der Adjektivflexion, bei der Kasusflexion und bei der Wortbildung vor (Wortbildungssuffixe wie -heit, -ling, -ist bilden genusspezifische Substantive wie Krankheit, Lehrling, Terrorist). Ich vermute, dass die Beschränkung GK/FK universal gilt in Sprachen, die Genus- bzw. Flexionsklassen haben.
 

1.2.3 Silbenphonologische Beschränkungen

Wie die Graphik oben zeigt, lassen sich die Pluralformen zwar weitgehend, aber nicht kategorisch aus Genus und/oder Flexionsklasse erklären - wir hätten in diesem Fall höchstens einen Pluraltyp pro Genus und Flexionsklasse. Für die abweichenden Fälle müssen also andere Kriterien herangezogen werden. Diese Kriterien können aus Merkmalen des Singularstammes wie Auslaut und Silbenzahl, Zugehörigkeit zu einer markierten Wortklasse (Eigennamen, Onomatopoetika ), Tokenfrequenz bzw. Bekanntheitsgrad, sie können aber auch aus der phonologischen Form der zu bildenden Pluralform gewonnen werden. Die Beschränkung auf nur eine zusätzliche Reduktionssilbe lässt sich als Beschränkung auf eine bestimmte Fußstruktur erfassen (zum Trochäus allgemein cf. Eisenberg 1991, 1998):

FUSS: Die Pluralform realisiert den unmarkierten Fuß der Sprache,

d.i. im Deutschen 1. der Trochäus, 2. der Daktylus. Die Beschränkung liegt also als FUSS/TR und als FUSS/DA vor. Der Trochäus ist im Deutschen eindeutig der kanonische Fuß (Eisenberg 1991), der "unmarkierteste Fuß" (Féry 1997). Er ist gegenüber dem Daktylus präferiert, wird z.B. mit Hilfe von Schwa-Tilgung erreicht. Die Beschränkung FUSS kann geradezu als das die Schwa-Tilgung auslösende Prinzip angesehen werden. Deshalb werde ich, um die Darstellung nicht unnötig redundant zu machen, nur einen Daktylus näher spezifizieren. FUSS bedeutet also im Folgenden: die Pluralform realisiert einen Trochäus.

Einsilbige Stämme bilden in ihren Pluralformen Trochäen (Hunde), zweisilbige heimische Stämme unterliegen der Schwa-Tilgung und pluralisieren dann mit -n oder Ø (Ampeln, Engel) oder sie haben einen s-Plural wie Autos. Alle diese Formen erfüllen die Beschränkung FUSS. Die einzigen Ausnahmen unter den Simplizia sind Substantive mit schwerer schwa-haltiger Endsilbe wie Abend, die im Plural Daktylen ausbilden: Abende, Gegenden. Einen daktylischen Fuß realisieren auch die Ableitungen mit konsonantisch auslautendem Suffix: Freundinnen, Freiheiten, Zeitungen. Diese erfüllen FUSS/DA.

Die Präferenz für den Trochäus gegenüber dem Daktylus zeigt sich bei der Pluralisierung dreisilbiger Wörter. Hat das dreisilbige Wort den Akzent auf der Paenultima wie Forelle, Bazillus, so wird durch Stammflexion, d.h. nach Kappen der Auslautsilbe e- bzw. -us, ein Trochäus mit Auftakt gebildet: Forellen, Bazillen. In einigen Fällen wird ein Trochäus durch Akzentverlagerung hergestellt, so dass Singular und Plural jeweils einen Trochäus, im Plural einen Trochäus mit vorgeschalteter Auftaktsilbe realisieren: 'Doktor, Dok'toren. Die Annahme einer Beschränkung auf trochäische Füße erfasst also auch die nicht durch Schwa-Tilgung erklärbaren Fälle Nachbarn, Konsuln und erklärt zugleich den Akzentwechsel bei Dok'toren, Profes'soren < 'Doktor, Pro'fessor.

Nur wenn keine betonbare Paenultima vorliegt und wenn keine Schwa-Silbe hinzutreten kann, ohne einen Hiat auszulösen, wird ein Daktylus realisiert: *Kameraen, 'Kameras, 'Kopulas. Im Gegensatz zu Villa > Villen würde Stammflexion in diesen Fällen zu zwei aufeinander folgenden unbetonten Silben führen und ist deshalb nicht möglich: *Kameren.

Für viersilbige Wörter kann eine Beschränkung Wortakzent angenommen werden, die zu einer Wortstruktur mit zwei Füßen führt (cf z.B. Müller 1997). Da es Füße mit mehr als drei Silben im Deutschen nicht gibt (cf. Eisenberg 1998:133), wird bei einem viersilbigen Wort ein Nebenakzent eingeführt, so dass ein zweifüßiges Wort entsteht: 'Nach.ti.gàl.len. Für die Pluralisierung von dreisilbigen Wörtern kann das Probleme darstellen (siehe unten). Ich nehme jedoch keine zusätzliche Beschränkung "Wortakzent" an, sondern betrachte FUSS als erfüllt, wenn eine Struktur entsteht, die dank des Nebenakzents zwei Trochäen bzw. einen Trochäus und einen Daktylus wie 'Cafeterìen hat.

FUSS scheint in der Hierarchie der Beschränkungen sehr hoch gerankt zu sein: sämtliche nativen und die meisten nicht-nativen Pluralformen erfüllen diese Beschränkung in der Ausprägung als Trochäus oder als Daktylus. Nur einsilbige und endbetonte s-Pluralformen verletzen sie, und dies dürfte einer der wesentlichen Faktoren dafür sein, dass der s-Plural hier wieder abgebaut wird und nur eine Übergangslösung darstellt: 'Lifts > 'Lifte, Bal'kons > Bal'kone etc.

Die Beschränkung auf trochäische Füße kann natürlich nicht universal sein, wie Sprachen mit jambischen Füßen wie das Französische zeigen. Sie gilt im Deutschen aber nicht nur für die Pluralbildung, sondern auch in anderen Bereichen der Flexion und Derivation (Infinitive: lächeln, Adjektive: eklig, Diminutive: Kätzchen), ebenso für die Bildung von Kurzformen wie Mutti, von Kompositionsformen wie Hundehütte, Eierschale (cf. dazu 3.) und sogar für die Bildung von Binomialen wie fix und fertig (cf. Féry 1997, Müller 1997). Die Beschränkung ist also unabhängig motiviert. Universal dürfte aber für akzentzählende Sprachen eine Beschränkung gelten, die Flexionsformen auf den unmarkierten Fuß dieser Sprachen festlegt. Insofern kann die Beschränkung FUSS als universal gelten.(19)
 

1.2.4 Treuebeschränkungen

Außer diesen silbenphonologischen Beschränkungen nehme ich die in der OT üblichen Treuebeschränkungen an. Durch die Treuebeschränkungen wird die Transparenz zwischen korrespondierenden Formen gewährleistet, was gerade bei markierten Substantiven und Fremdwörtern eine erhebliche Rolle spielt, wie wir sehen werden.

Die OT nimmt für korrespondierende Formen, zu denen Plural- und Singularformen zweifellos gehören,(20) Treuebeschränkungen folgender Art an (cf. Féry 1997:474):

Treuebeschränkungen für korrespondierende Formen:
 
 Input = fle2n3s4t5e6r7 (=S1)
Output = fle2n3s4t5e6r7 (=S2)

MAX: Jedes Segment von S1 hat einen Korrespondenten in S2.
DEP Jedes Segment von S2 hat einen Korrespondenten in S1.
IDENT(F): Korrespondierende Segmente haben identische Werte für das Merkmal F.

MAX verhindert das Tilgen, DEP das Hinzufügen, IDENT das Verändern eines Segments. Ø-Pluralformen wie Fenster erfüllen alle drei Treuebeschränkungen. Hätte das Deutsche aber nur Pluralformen wie Fenster, so hätte es keinen morphologischen Plural. Ich nehme daher als zusätzliche Beschränkung ein Distinktheitsgebot an, das verlangt, dass Pluralformen sich von Singularformen unterscheiden. Es ist klar, dass DIST in Widerspruch zu den Treuebeschränkungen steht und mit diesen konkurriert.

DIST: Pluralformen sind distinkt von Singularformen.

Eine gute Pluralform erfüllt idealiter zwei gegensätzliche Forderungen. Sie ist 1. transparent, zeigt den Zusammenhang zwischen der Pluralform und der Singularform an, ist der Singularform also möglichst ähnlich, sie ist 2. distinkt, zeigt Pluralität deutlich an, ist der Singularform also möglichst unähnlich. Es ist klar, dass diese beiden miteinander konkurrierenden Forderungen nie vollkommen erfüllt werden können.

Um das Distinkheitsgebot zu erfüllen, müssen Pluralformen also mindestens eine der Treuebeschränkungen verletzen, entweder ein Suffix hinzufügen (DEP) oder den Vokal ändern. Da Pluralformen im Deutschen ikonisch oder nicht-ikonisch, aber niemals kontra-ikonisch sind, scheidet die bloße Tilgung eines Segments (MAX) zur Pluralbildung aus; sie tritt aber in Kombination mit DEP auf und führt dann zur Stammflexion, siehe 2.4.3. In jedem Fall entstehen aber noch weitere Änderungen.

Native Pluralflexive führen in mehreren Fällen zu negativen Konsequenzen für die Transparenz der Pluralformen. Sie führen zu Hiatbildungen wie Schuhe, Seen, die bei unbetonten Silben ungrammatisch sind: *Oma.en, *Auto.e, oder sie führen zur Verschiebung der Silben- bzw der Morphemgrenze: Termin. - Termi.ne. Sie können darüberhinaus zur Änderung des auslautenden Konsonanten und/oder zur Umlautung des Vokals führen, also zu Prozessen, die die Transparenz der Pluralform erheblich beeinträchtigen: Hund [t] - Hunde, Hand [t] - Hände, Vogel - Vögel, Buch - Bücher.

Die Pluralformen lassen sich durch Beschränkungen, die in Untersuchungen zur Silbenphonologie des Deutschen erarbeitet wurden (Vennemann 1988, 1991, Eisenberg 1991, 1998, Féry 1997, Müller 1997) und der im Rahmen der OT ermittelten Hierarchien dieser Beschränkungen präziser beschreiben. Wegener 1995:23 weist darauf hin, dass bestimmte Pluralflexive bei bestimmten Substantiven zu unnatürlichen Formen und zur unerwünschten Verschiebung der Silbengrenze führen würden. Dies lässt sich mit Hilfe der o.g. Beschränkungen erfassen: FUSS verhindert die Hiatbildungen bei unbetonten Silben und löst bei Substantiven, die auf eine Schwa-Silbe enden, Schwa-Tilgung aus; die Treuebeschränkungen verhindern Veränderungen des Singularstamms, die die Transparenz der Pluralform beeinträchtigen könnten, und erzwingen in bestimmten Fällen einen s-Plural, (siehe unten).

Die Verletzungen der Treuebeschränkungen zugunsten von DIST werden durch die drei Constraints IDENT erfasst:

IDENT V wird verletzt, wenn der Vokal des Singularstamms umgelautet wird: Vogel - Vögel,
IDENT K wird verletzt, wenn der Endkonsonant des Singularstamms in der Pluralform sonorisiert wird wie in Hund [t] - Hunde oder wenn er palatalisiert wie in Buch [X ] - Bücher [ç]
IDENT m wird verletzt, wenn die Morphemgrenze des Singularstamms verschoben wird, Termin. - Termi.ne, oder wenn das Morphem verletzt wird wie bei Villa - Vill.en. Diese Tilgung eines Segments der Inputform wird außerdem durch MAX erfasst. Beide Beschränkungen sind jedoch nicht identisch: IDENT m erfasst die Verschiebung der Morphemgrenze, MAX darüberhinaus das Kappen eines Segments.

Alle Verletzungen der Treuebeschränkungen können kombiniert auftreten: bei Hän.de, Bü.cher wird der Vokal umgelautet, der Konsonant sonorisiert bzw. palatalisiert und die Morphemgrenze verschoben. Eine Beschränkung gegen Redundanz nehme ich daher nicht an (so Wunderlich 1999), denn gerade im Kernwortschatz sind redundante Formen präferiert.

Da bei Ros-en und Gart-en nicht eindeutig ist, ob Stammflexion vorliegt, werde ich für diese Pluralformen keine Verletzung von MAX vorsehen, da das die Arbeit nur aufblähen würde, sondern nur für Vill-en zu Villa, Rit-en zu Ritus, Kont-en zu Konto etc.

DEP ist natürlich sehr niedrig gerankt, die meisten Pluralformen sehen eine Suffigierung vor, um das Distinktheitsgebot zu erfüllen. Auch DEP unterscheidet sich von IDENT µ: Ersteres wird auch durch -n und -s verletzt, die jedoch die Morphemgrenze integer lassen. Nur der Ø-Plural verletzt keine der Treuebeschränkungen, aber natürlich DIST.

Für an sich wohlgeformte, aber ungrammatische Pluralformen wie *Schale, *Baren zu Schal, Bar ist es nötig, ein Homonymenverbot anzunehmen:

-HOM: Homonyme Formen sind zu vermeiden.

Das universale Silbenstrukturgesetz "Onset No Coda" gilt natürlich auch für Pluralformen. Sein Coda-bezogener Teil kann ein entscheidendes Kriterium für die Wahl des optimalen Kandidaten und für die Sprachentwicklung sein:

NC: Eine Silbe hat einen Anfangsrand, aber keine Coda: No Coda.

Bei Schwa-Silben muss bei Feminina NC verletzt werden, um Haplologie zu vermeiden: Ampeln, Kammern. Das Verbot von Haplologie, das durch die Schwa-Tilgung erfüllt wird, ist also höher gewichtet als NC. Auch FK ist höher gewichtet als NC: Uhren/*Uhre bei Feminina, Poeten/*Poete bei schwachen Maskulina haben eine Coda. NC-Verletzung wird im nativen Wortschatz aber nur bei unbetonten Silben und nur dann toleriert, wenn dadurch Haplologie vermieden und/oder ein FK-spezifischer Plural realisiert werden kann. Bei markierten Wörtern wie Onomatopoetika, Familiennamen und Fremdwörtern wird NC dagegen massiv verletzt. Hier ist IDENT so hoch gewichtet (genauer siehe unten.), dass NC verletzt werden kann und Konsonantencluster bei betonten Silben entstehen: Lifts, Kiosks. Ist NC nicht durch Haplologievermeidung oder FK motiviert, wird diese Struktur repariert, indem eine native silbische Pluralform gebildet wird: Lifte, Kioske. Es fragt sich aber, ob es sinnvoll ist, das n-Suffix überhaupt als Verstoß gegen NC zu werten, da diese Endsilben auf einen Sonoranten auslauten und damit dem idealen vokalischen Silbenauslaut sehr nahe kommen. Golston/Wiese 1995 und Neef 1998 nehmen entsprechend "SON" als Beschränkung für den Endrand von Flexionssilben an. Pluralformen auf -(e)n betrachte ich daher nicht als Verletzungen von NC.

Schließlich kann durch die Annahme, dass in Pluralformen nur paradigmische Flexive verwendet werden dürfen, erklärt werden, dass im Deutschen zwar das Stammbildungssuffix -er ( < ahd ir) und das Genitivsuffix -s bzw -ens zur Anzeige von Pluralität dienen können und somit zu Pluralsuffixen werden konnten, aber nicht das griechische Suffix -ta: nach dem Muster von Themata kann eben nicht eine Pluralform wie *Pizzata gebildet werden. Ebenso scheidet -n aus, das es als Flexionssuffix nur durch Schwa-Tilgung gibt, deshalb *Pizzan.

PAR: Als Pluralsuffix dienen nur paradigmische Flexive

Auch diese Beschränkung ist nicht pluralspezifisch, sondern gilt im Deutschen z.B. auch für Fugenelemente (cf. Fuhrhop 1998). Flexionssuffixe fallen nicht vom Himmel, wenn eine Sprache sich vor die Notwendigkeit gestellt sieht, neue Flexive auszubilden, so schafft sie entweder durch Grammatikalisierung von Inhaltswörtern neue Flexive (z.B. geht das Präteritalsuffix -te auf die Verbform tat zurück) oder sie greift auf im Paradigma vorhandene Suffixe zurück und interpretiert sie um. Das schließt nicht aus, dass diese Suffixe dann auch auf andere Paradigmen übertragen werden können.

Die für die Pluralbildung relevanten Beschränkungen sind also:
 
MAX: Jedes Segment von S1 hat einen Korrespondenten in S2. (= keine Tilgung)
DEP Jedes Segment von S2 hat einen Korrespondenten in S1. (= keine Erweiterung)
IDENT(F) Korrespondierende Segmente haben identische Werte für das Merkmal F. 
  F = V (Vokal des Kerns) und / oder K (Konsonant im Auslaut) und / oder m
  (Morphem(grenze))
DIST Pluralformen sind distinkt von Singularformen.
FUSS Die Pluralform realisiert den unmarkierten Fuß der Sprache, das ist im Deutschen: 1. der Trochäus, 2. der Daktylus.
FK Die Pluralform korrespondiert mit der Flexionsklasse des Singularstamms.
GK Die Pluralform korrespondiert mit der Genusklasse des Singularstamms. 
-HOM Homonyme Formen sind zu vermeiden.
NC Eine Silbe hat keine Coda.
PAR: Als Pluralsuffix dienen nur paradigmische Flexive.

 

2 Eine Analyse im OT-Rahmen
 

2.1 Der unmarkierte Fall

Das Zusammenwirken der Beschränkungen soll nun an einem einfachen Beispiel vorgeführt werden, für das ich ein heimisches und ein relativ junges, aber sehr verbreitetes Fremdwort, das im 18. Jahrhundert entlehnt wurde, verwende: Vogel vs Onkel.
 
 

Onkel M FUSS
IDENT
NC FK GK DIST DEP
V K m
=> Onkel             * *  
Onkele *!     *     *   *
Onkels         * * *   *
Onkeln           * *   *
Onkelen *!     *   * *   **
Onkeler *!     *     *   **
Önkel   !*              

Vogel M FUSS NC FK GK DIST DEP IDENT
V K m
Vogel       * *        
Vogele *     *   *     *
Vogels   * * *   *      
=> Vögel             *    
Vogeln     * *   *      

Für das alte native Wort erweist sich die umgelautete Form als optimal: Sie ist distinkt, zeigt Genus- und Flexionsklasse an, bildet einen Trochäus, aber kein Konsonantencluster, allerdings verletzt sie, um distinkt zu sein, eine der Treuebeschränkungen, die Beschränkung hinsichtlich des Vokals.

Bei dem noch relativ jungen Wort Onkel ist Vokaländerung nicht zugelassen, weshalb es zu einer Ø-Pluralform kommt. Da das Wort eine Schwa-Endsilbe hat und maskulin ist, ist ein overter nativer Plural nicht möglich. Die Ø-Pluralform ist ein wohlgeformter Trochäus, ist FK-konform, verletzt aber DIST und zeigt das Genus nicht deutlich an.

Daraus lässt sich für das native Wort folgende Hierarchie der Beschränkungen im Standarddeutschen ableiten:

DIST ist offensichtlich nicht die höchste Beschränkung, sondern FUSS und FK, DIST ist aber höher gerankt als IDENT/V. Diese Beschränkung darf durch den Umlaut verletzt werden, um eine distinkte Pluralform zu bilden, nicht aber NC.

Hierarchie für den Regelplural : FK/GK, FUSS >> NC >> DIST, IDENT

Für die regulären Pluralformen der Klasse 1 (Banken) und Klasse 2 (Jungen) gelten exakt die selben Beschränkungen und die selbe Beschränkungshierarchie. Die jeweilige Pluralform ergibt sich aus FK. Zu Bänke siehe unten.

Die Verletzung von DIST wird in Subvarietäten des Deutschen nicht toleriert, weshalb es zur Kompensation des durch FUSS und FK bedingten Ø-Plurals kommt. Interessant ist, dass verschiedene Varietäten des Deutschen hier unterschiedliche Lösungen für die Reparatur einer nicht präferenten Struktur wählen:

österr.: Onkeln, ebenso: Spiegeln, Spargeln, Madeln
norddt: Onkels, ebenso: Jungens, Jungs, Mädchens(21)

In den Substandards ist DIST höher gerankt, wofür bei einem Substantiv auf Pseudosuffix Verletzung von FK und in Norddeutschland auch von NC in Kauf genommen wird, indem entweder -n oder -s an das Pseudosuffix gefügt wird. Die Pluralformen dieser Wörter weisen also unterschiedliche Beschränkungshierarchien auf: Keine Varietät verletzt die Schwa-Tilgungsregel oder FUSS, aber beide sind nicht FK-konform, die s-Formen verletzen NC.

Versuche, den Ø-Plural zu kompensieren, gibt es, wie Belege aus dem 18. Jh zeigen (cf. Belege in 1., cf. Paul 1917), offenbar schon sehr lange, sie sind auch aus der Kindersprache bekannt. Zu einer generellen Verbreitung des s- oder (e)n-Plurals hat das bisher nicht geführt, wie Tabelle 2 zeigt.

Kompensatorisch wird in süddeutschen Dialekten auch der Umlaut eingesetzt:

schwäb, bair.: Wägen, Bögen, Ärm, Täg, Kästen, Krägen, Läger, Mägen, Pölster

Da die Beispiele alle Maskulina sind, erfüllen die Formen GK und somit auch FK, sind meistens trochäisch und stellen, da sie NC nicht verletzen, bessere Outputformen dar als die zu Onkel vorliegende Variante Onkels.

Hat der Stamm aber keinen umlautfähigen Vokal, so wird im süddeutschen Sprachgebiet, wo ein e-Plural aufgrund der e-Apokope nicht zur Verfügung steht, statt dessen ein er-Plural gebildet, der hier noch relativ produktiv ist, wie Skier(22) beweist: Beiner, Steiner, Hemder, Rösser. Der er-Plural verdankt seine Entstehung überhaupt einer Kompensationsstrategie (siehe unten).
 

2.2 Der er-Plural

Der er-Plural ist in der Geschichte des Deutschen relativ jung, der unmittelbare Vorgänger des s-Plurals. Er verdankt seine Entstehung der Tatsache, dass nach Verfall der mhd Flexionsklassensuffixe die Substantivflexion zusammenbrach und Pluralformen nicht mehr erkennbar waren (Wegera 1987), cf. Luther: die Wort, noch Th. Storm: die Kind. Die Miniklasse der neutralen s-Stämme (lat. genus, generis), die im Ahd nur ca. 10 Wörter umfasst, darunter Tierbezeichnungen, die kollektiv interpretiert werden können und somit eine Affinität zum Plural haben (Lämmer, Kälber, Hühner, Rinder), stellt das eigentlich stammbildende Suffix -er(23) (< ir und deshalb umlautauslösend) zur Verfügung. Aus dieser Miniklasse entwickeln sich bis Ende des 18. Jahrhunderts zahlreiche Pluralformen auf -er, besonders süddeutsch, wo -e aufgrund von e- Apokope nicht zur Verfügung steht, auch für Maskulina: Äster, Bächer, Bäumer, Münder, Hälmer, Geschmäcker, Dinger, Türmer, Rester, Wichter, Stifter, Gerichter. Die alten, durch -er verdrängten Formen sind häufig in Ortsnamen belegt: Eberswalde,cf. Anhang. Zugleich stand im Deutschen damit auch ein Notplural zur Assimilation von Fremdwörtern zur Verfügung, wie zahlreiche Belege aus dem 18. Jahrhundert zeigen: Kabinetter, Lazaretter, Departementer, Regimenter, Kapitäler, Billeter, Publikümer, Lokäler, Complimenter, Präsenter, Offizierer, Kameler....

Die Schwankungen zwischen -e und -er erklären sich durch Verdrängung zunächst der alten e- durch die neue er-Form, die im Oberdeutschen funktionaler war und ist (siehe oben), dann durch Restitution des auslautenden -e, d.h. durch Abbau des -er und Rückübertragung des -e i.S. des von der Markiertheitstheorie vorhergesagten Abbaus kleiner Klassen. Teilweise halten sich die er-Formen in süddeutschen Dialekten, teilweise halten sie sich dank auseinander driftender Bedeutungsentwicklung wie bei Worte/Wörter, Schilde/Schilder, Bände/Bänder. Das folgende Tableau zeigt am Beispiel Wort, warum im Fnhd. die Form Wörter der optimale Kandidat ist: Das auslautende -e von Worte war der Lautentwicklung zum Opfer gefallen, damit entstand ein Ø-Plural, der DIST verletzt und kompensatorisch durch -er ersetzt wird. Spiralenförmige Abläufe sind beim Sprachwandel keine Seltenheit, die hier zu beobachtende Entwicklung ist ein typisches Beispiel für die beiden sich gegenseitig aufhebenden Prinzipien des Sprachwandels nach Lüdke 1980(24).

Der s-Plural hat also einen Vorgänger, und es fragt sich, ob er nicht ebenfalls nur eine Übergangslösung darstellt oder wie im Englischen das Pluralsystem des Deutschen insgesamt verändert, indem er zum einzigen Regelplural wird. Dass ein Außenseiter zum Regelplural werden kann, beweist nicht nur das Englische mit -s, sondern auch die skandinavischen Sprachen, in denen der er-Plural ein hochproduktiver Regelplural ist.

Die Pluralform Wörter erfüllt für ein Neutrum die Beschränkungen ebenso optimal wie Vögel für ein Maskulinum (siehe oben). Zur genusspezifischen Verteilung von Umlaut und -er, cf. 1.3.2. Diese Form ist hochgradig distinkt, erfüllt FUSS, FK und im Gegensatz zu Worte sogar GK sowie NC, verletzt aber IDENT V, wie das Tableau zeigt. Das ist bei einem hochfrequenten Wort aber kein Problem (siehe unten). Für Wörter gilt daher die selbe Hierarchie wie für Vögel (siehe oben).
 
 


Wort N FUSS FK GK NC PAR DIST IDENT DEP
V K m
Wort *         **!        
-> Wor.te      *           * *
Wort(e) fnhd *   *     *!        
=> Wör.ter           ! *   * *
Wor.ten   * *           * *
Wör.te     *       *   * *
Worts * * * *           *

Die Frage ist, ob für die Entstehung eines neuen Pluraltyps im heutigen Deutsch, abgesehen vom Bedarf der Fremdwortassimilation, die Voraussetzungen gegeben sind, d.h. ob ein Bedarf danach besteht. Dieser könnte in den durch Schwa-Tilgung bedingten Ø-Pluralformen bestehen, die ihrerseits eine Erscheinung des Nhd sind. Beispiele wie Jungens, Mädchens könnten Anzeichen für eine Ausdehnung des s-Plurals in den heimischen Wortschatz sein (so Wunderlich 1999). Überprüfen wir daher die statistischen Werte für den Ø-Plural.
 

2.3 Die markierten Pluralklassen
 

2.3.1 Der Ø-Plural

Die Zahl der Ø-Plurale ist in Pavlovs Statistiken auffallend hoch, sie geht aus meiner Tabelle, die Ø und -e zusammenfasst, nicht hervor. Nach Pavlov 1995:49 sind 22 % der Tokens in Klasse 3, bei den Typewerten sogar 35 % ohne formale Kennzeichnung (Lehrer, Fenster), das sind 13,3 % sämtlicher Substantive im Textkorpus bzw. 20 % der Wörterbucheinträge. Ein overtes Pluralzeichen ist für die Kommunikation offenbar nicht unbedingt notwendig, wenn Pluralmarkierung aus dem Artikel hervorgeht. Das bestätigt jedenfalls die Zahl nichtmarkierter Pluralformen bei den Feminina: Sie kommen nur bei Fremdwörtern vor und machen im Wörterbuch 0,6 % aus, im Textkorpus kommt dieser Typ überhaupt nicht vor. Der Unterschied zwischen der Type- und der Tokenfrequenz, der hier negativ ist (siehe unten), könnte andeuten, dass nicht overte Pluralformen nicht optimal sind, cf. dazu das Beispiel Onkel und seine Kompensationsformen oben. Jedoch darf daraus kein Bedarf für den s-Plural abgeleitet werden, ehe nicht Frequenz und Funktion der Umlautplurale überprüft sind.
 

2.3.2 Die Umlautplurale

Die noch heute existierenden Doppelfluralformen Wörter - Worte, Bänder - Bande, Bänke - Banken, Männer - Mannen, Hände - (abhanden), Varianten zum selben Singularstamm, werfen die Frage auf, ob sich diese Variation auch synchron erklären lässt, ob der Umlaut eine Funktion hat. Wenn ja, müsste sich daraus für den Umlautplural eine Regel, wenigstens eine Tendenz ablesen lassen.

Die Umlautvarianten in den süddeutschen Dialekten Ärm, Wägen, die dann auftreten, wenn ohne Umlaut eine Ø-Form vorläge, zeigen, dass der Umlaut hier kompensatorische Funktion hat. Denkbar ist also, dass der Umlaut auch im Standarddeutschen der Kompensation des Ø-Plurals dient. Auf Funktionalität deutet auch die Tatsache hin, dass der Umlaut beim femininen e-Pluralsuffix, das süddeutsch nicht artikuliert wird, immer auftritt (die Händ), dagegen bei -(e)n und -s nie auftritt(25): Diese beiden Suffixe sind die einzigen, die auch bei e-Synkope nicht tonlos werden können: die Fraun. Ein Umlaut ist also bei -(e)n ebenso wenig wie bei -s nötig und wäre hier afunktional.

Der Umlaut müsste dann bei Ø-Pluralformen häufiger auftreten als beim e-Plural. Beim er-Plural ist der Umlaut phonologisch bedingt, aus dem alten ir-Flexiv ererbt. Eine funktionale Erklärung scheidet hier also aus, d.h. für den Vergleich kommen nur Ø- und e-Formen infrage.

Bei den umgelauteten Pluralformen der Klasse 1 (Bänke, Mütter) und 3 (Wölfe, Bücher) - Klasse 2 kennt keine Ausnahmen - weisen alle eine höhere Token- als Typefrequenz auf, cf. Tabelle 3. Für den Ø-Plural gilt genau das Umgekehrte: Seine Tokenfrequenz beträgt, bezogen auf den gesamten Wortschatz, nur 66,5 % der Typefrequenz.

Tendenzen und Entwicklungen im heutigen Deutsch lassen sich durch den Vergleich von Statistiken feststellen. Mit Mugdans statistischen Angaben, cf.Tabelle 4 unten, liegen Zahlen für Wörterbucheinträge von 1898 vor (cf. Mugdan 1977:97). Danach hatte der Ø-Plural am Ende des 19. Jahrhunderts keinen größeren, sondern einen geringeren Anteil am Gesamtwortschatz: 9,5 % der Token, 13, 3 % der Types, mit einem TT-Quotienten von 71 %. Der Anteil des Ø-Plurals ist im heutigen Deutsch also bei Token von 9,5 % auf 13,3 %, bei den Types von 13,3 % auf 20 % gestiegen. Der Ø-Plural wird also nicht abgebaut, er stellt offensichtlich für den Sprecher kein Problem dar, das er mit Hilfe des Umlauts oder des n- bzw. s-Plurals zu lösen versucht.

Diese Zahlen widerlegen die Annahme, der Umlaut habe im Standarddeutschen kompensatorische Funktion, in eindeutiger Weise. Die hohe Zahl von Ø-Pluralformen mit umlautfähigem Vokal dürfte durch die zahlreichen Nomina agentis bedingt sein: Fahrer, Besucher. Für diese Ableitungen ist Transparenz, d.h. die Beschränkung IDENT/V sehr wichtig, um den Zusammenhang zum Verb nicht zu verdunkeln. IDENT ist daher hier höher gewichtet als bei Simplizia wie Hut, Stock, Bach. Die alten Verbableitungen, die lexikalisiert sind, lassen dagegen meistens Umlaut zu: Brände, Bünde, Gänge, Kämpfe, Käufe, Schläge, Schlüsse, Sprüche, Sprünge vs Halte, Funde, Rufe vs nichtmögliche morphologische Pluralformen wie Raubzüge, Ratschläge, Bauten, Danksagungen.

Gerade die hohe Tokenfrequenz der Umlautplurale weist auf eine andere Funktion des Umlauts hin. Diese wird deutlich, wenn wir die heutigen Frequenzwerte in Tabelle 1-2, die sich aus Pavlovs Auszählungen eines Wörterbuchs von 1977 bzw. eines Textkorpus ergeben, mit jenen vergleichen, die sich aus Mugdans Auszählung eines Wörterbuchs von 1898 bzw. der danach berechneten Häufigkeitsstatistik nach Meier 1964 ergeben, s. Mugdan 1977:95f. Die beiden Auszählungen bieten die Chance, die Entwicklung der Pluralformen im 20. Jahrhundert zumindest statistisch dokumentieren zu können. Die Tabellen zeigen die Zahlen für 1898 und für 1977 und darunter die Veränderungen in Prozent an.

Tabelle 4: Veränderung der Pluralfrequenzen (Types)

Typefrequenz, N = 2307 (Mugdan 1977:95ff = Kaeding 1898) bzw 6505 (Pavlov 1995:44ff = Wahrig 1975)
 
 
M Fem (1245) 
sw M (87)
st MN (975) 
P Fem (2726) 
sw M (458)
st MN (3321)
(e)n
"(e)
s
(e)n
(e)n
(e)
"(e)
"er
s
1898:
96,4
2,6
0,3
100
2,46
64,7
19,8
5,5
5,74
1977:
96,6
1,1
1,7
100
3,3
70,2
7
1,5
16,3
V:
102
42
566
100
134
108
35
27
284 %

 

Tabelle 5: Veränderung der Pluralfrequenzen (Tokens)

Tokenfrequenz, N = 386906 (Mugdan 1977:95ff = Kaeding 1898) bzw 13587 (Pavlov 1995 = Texte <1945)
 
 
Fem (189329) 
sw M (5887)
st MN (181690) 
Fem (5303)
sw M (689)
st MN (7595)
(e)n
"(e)
s
(e)n
(e)n
(e)
"(e)
"er
s
1898:
96,6
3
0,05
100
10,5
52,8
27
6,36
1,87
1977:
87,9
11,9
0,2
100
6,9
58,8
18,7
12,8
2,7
V:
90
396
400
100
65,7
111,3
67
200
144 %

 

Tabelle 6: Veränderung des Type-Token-Quotienten:
 
(e)n
"(e)
s
(e)n
(e)n
(e)
"(e)
"er
s
1898:
1
1,15
0,16
1
4,26
0,8
1,36
1,15
0,32
1977:
0,9
10,8
0,1
1
2
0,8
2,7
8,15
0,16
V: 
90
939
62,5
100
47
100
198
708
50 %

Die Zahlen und die Veränderungen der Zahlen hinsichtlich der Typefrequenz bestätigen weitgehend, aber nicht vollständig die Annahme der Markiertheitstheorie, dass kleine markierte Klassen zugunsten großer homogener Klassen abgebaut werden.

Der feminine (e)-Plural ist auf 42 %, der umgelautete (e)-Plural in Klasse 3 auf 35 %, der er-Plural sogar auf 27 % seiner früheren Werte gesunken. Nur der markierte (e)n-Plural in Klasse 3 hat leicht zugenommen, auf 134 %. Stabilisiert haben sich wie erwartet die Regelplurale -(e)n bei Feminina und -(e) bei Nicht-Feminina. Den größten Anstieg (auf 284 bzw. 566 %) erlebte der s-Plural, was die Annahme, der s-Plural sei der einzig produktive (siehe unten in 3.), zu stützen scheint.

Die Tokenfrequenzwerte zeigen jedoch, dass dieser Schluss verfrüht ist. Nach Tabelle 5 hat sich der Regelplural der Klasse 3 stabilisiert, der (e)n-Plural in Klasse 1 ist leicht gesunken, was angesichts seiner fast totalen Gültigkeit in dieser Klasse an seinem Status als Regelplural aber nichts ändert: Er beträgt auch im Text 90 %. Die Tokenfrequenz der markierten Plurale -(e)n und "-(e) in Klasse 3 ist jeweils auf ca. 2/3 gesunken, hinsichtlich der Veränderung der Tokenfrequenz unterscheidet sich -(e)n also nicht vom Umlautplural in dieser Klasse. Die so viel höhere Token- als Typefrequenz erklärt sich hier durch Fremdwörter mit Stammflexion wie Konto-Konten, Ritus-Riten, Mythos-Mythen, Album-Alben (siehe unten).

Interessant für die Frage nach der Funktion des Umlauts sind gerade die kleinsten Klassen unter den nativen Pluralformen: -er in Klasse 3 (Bücher) und -"e in Klasse 1 (Hände). Ihre Tokenfrequenz ist nicht nur nicht gesunken, sondern um das zwei- bis vierfache gestiegen, auf 201 bzw. 396 %. Noch spektakulärer ist der Anstieg des Tokenquotieten, bei -"(e) hat er sich auf 2,7 verdoppelt, bei -er fand eine Zunahme um 708 %, beim femininen (e)-Plural um 939 % statt! Diese beiden Klassen zeigen also einerseits Merkmale von Aussterben - ihr Typeanteil liegt zwischen 1,1 und 1,5 % pro Klasse - , andererseits zeigt ihre extrem hohe Gebrauchsfrequenz, dass hier ein Gesundschrumpfungsprozess stattgefunden hat. Diese Plurale treten bei hochfrequenten Wörtern auf, das sind Wörter, die zum lexikalischen Bereich des Nächstliegenden gehören, kurz Nahbereichwörter. Köpcke 1994:83 zeigt, dass der Umlaut bei Maskulina(26) umso häufiger auftritt, je näher die Referenten dieser Wörter dem Menschen stehen, wobei ein Kontinuum im Sinne der Prototypentheorie besteht. Die folgenden Dubletten belegen eindeutig, welche der beiden Formen im Alltagswortschatz häufiger auftritt und dem Kind früher begegnet: Bänke - Banken, Mütter - Muttern, Bänder - Bande, Wörter - Worte, Männer - Mannen. Wörter für den Nahbereich, die in vielen Sprachen besonders differenzierte Lexeme und Morphologie aufweisen, sind Bezeichnungen für Verwandte,(27) Körperteile, Haustiere, Hausrat.

Bei diesen Wörtern ist häufig Suppletion zu finden, welche das Distinkheitsgebot am besten erfüllt, auch um den Preis irregulärer Formen. Man denke an die Flexion des Verbs sein mit vier Wurzeln (bin, ist, sind, war), die hohe Frequenz der starken Verben etc. Der Umlautplural ist zwar nicht suppletiv i.e.S., aber redundant, da Suffigierung + Vokaländerung erfolgt, er steht damit Suppletivformen am nächsten. Eine besonders hohe Differenzierung der Lexik des Nahbereichs findet sich in vielen Sprachen und ist funktional, da so die Unterscheidung der korrespondierenden Formen gesichert ist. Die Beschränkung DIST ist bei Nahbereichlexemen das höchste Constraint, höher als alle Treuebeschränkungen, sie bewirkt in Klasse 3, dass GK höher gewichtet ist als FK, und setzt bei Feminina sogar FK außer Kraft. Für den Spracherwerb stellen diese Formen dank ihrer hohen Frequenz kaum ein Problem dar,(28) wie die Erwerbshierarchie der Pluralmarker (nach der Fehlerlosigkeit) beweist (cf. Wegener 1995a:202 mit Daten von DaZ lernenden Kindern, zum L1-Erwerb cf. Augst 1979, 230):

Erwerbshierarchie der Pluralmarker: -0 > -"er > -e > -en > -s > -n.

Die hohe Tokenfrequenz bewirkt, dass insbesondere der er-Plural lexikalistisch gelernt, d.h. häufig unanalysiert gespeichert wird, siehe den Fehlertyp *ein Eier. Sie behindert auch das Erkennen und Klassifizieren von -er als Pluralflexiv und erklärt, warum dieser Plural fast nie übergeneralisiert wird. Die Umlautung des Stammvokals ist also nicht einfach arbiträr, sondern sie ist durch das besonders hoch gerankte Distinktheitsgebot für den Wortschatz im Nahbereich motiviert (cf. auch Köpcke 1994:83).

Alle Umlautvarianten erfüllen FUSS, die meisten auch FK, so dass sich eine unterschiedliche Hierarchie nur hinsichtlich DIST (und bei Feminina wie Hände sogar hinsichtlich FK ) ergibt, für alle Umlautvarianten ist IDENT/V niedrig gewichtet, cf. das Tableau für Wörter.

Bei Maskulina ist diese Klasse nicht unproduktiv (Fräcke, Gärten, Generäle), bei Neutra nicht völlig unproduktiv, besonders in Süddeutschland (Skier). Bei Feminina aber ist sie vermutlich unproduktiv. Der Abbau dieser Klassen überwiegt die Neuzugänge bei weitem, gerade die geringe Typefrequenz macht den Umlautplural ja zum geeigneten Plural für den Nahbereich. Für den Abbau der Klassen werden drei Verfahren angewandt: 1. Die "natürliche" Lösung besteht darin, dass die Wörter außer Gebrauch kommen. 2. einige Wörter wechseln die Flexionsklasse, 3. in einigen Fällen wird die Pluralform als Singularform reanalysiert.

Beispiele:

1. aussterbende Wörter (in Mugdan 1977:211ff noch aufgeführt, Auswahl):

F: Niß, Brunft, Brunst, Drangsal, Labsal, Trübsal
N: Aas, Wams, Reis, Gemach, Balg, Soll
M: Wanst, Trumm, Asch, Gauch, Schalk, Lackel, Fussel, Friesel, Brösel, Model, Stummel, Stoppel, Kaffer, Gevatter

2. Flexionsklassenwechsel zum Regelplural hin fand statt bei

F: Schlucht, Sucht ( -"e > en)
N: Brot, Mahl, Rest ( -er > -e)
M: Stiefel, Ziegel ( -n > 0)
sw M: Bayer, Pommer, Bauer (29) ( -(e) > -n)

3. Reanalyse als Singular:

Knaul, Pl. Knäule > Knäuel, Fu