40 Jahre Partikelforschung/40 Years of Particle Research

Bern, 11.-13. Februar 2009

Abstract


Werner Abraham (Wien)
Diskurspartikel zwischen Modalität, Modus und Theory of Mind


Wir gehen von 2 Generalisierungen über die „Klasse“ der Modalpartikel aus. Einmal hat Bayer (1990) die Verarbeitung von Modalpartikeln im Unterschied zu ihren (stärker) lexikalischen Homophonen in der rechten (Wernicke) Hirnhälfte angesetzt, diesen also eine diffusere, weniger systematisierbare und unanalytischere Funktion zugeteilt. Zum anderen hat sich zeigen lassen (Abraham 1995), dass Stellungsbeschränkungen und kategorisch‐inhaltliche Klassifikation der MPn zusammengehen und eine auch für Konjunktionstripletten gültige Systematik erlauben. Diese beiden Generalisierungen stehen im Widerspruch zueinander: Systematisches sollte in der linken Hemisphäre (im Brocazentrum) verarbeitet werden. Würden die lexikalischen homophonen Entsprechungen der MP dann verarbeitungsstrategisch zur rechten Hemisphäre gehören? Dies würde die bisher gängigen Annahmen aus der Neurolinguistik umkehren. Um diese Fragestellung einer neuen, eventuell entscheidenden Grundlage zuzuführen, erörtern wir Satzmodus und Modalität anhand von Modalverben und Modalpartikeln im Unterschied zu allgemeinen Modalitätswörtern und -adverben anhand des Fremdbewusstseinsabglichs (Theory of Mind). Es zeigt sich, dass MV und MP einen höheren Grad an Systematik und Analysezugriff erfordern als rein lexikalische Elemente wie Modalwörter (vor allem in Sprachen, die über keine eigentlichen Modalpartikel (mit grundsätzlicher Polyfunktionalität)) verfügen. Daraus ist spekulativ, aber logisch bündig zu erschließen, dass die oben gestellte Frage nach dem relativen Systematisierungsgrad der MP so zu entscheiden ist, dass MP linkshemisphärisch verarbeitet werden – was natürlich experimentell nachzuweisen wäre. Aber eine bündige Theorie dazu liegt hiermit vor. Immerhin spricht für diese Annahme ja auch, dass die Spiegelneuronen mit ihrer unzweifelhaften emotiven Leistung ebenfalls im Brocazentrum lokalisiert sind (Stamenov & Gallese 2002, Bråten 2007).

(Ausgewählte) Bibliographie:
Abraham, Werner 1986. Die Bedeutungsgenese von Modalpartikeln. Die bedeutungskonstituierenden Variablen: Kontrastdomäne und Kontext. Groninger Arbeiten zur germanistischen Linguistik (GAGL) 27: 1-44.
Abraham, Werner 1991. Discourse particles in German: how does their illocutive force come about? Between a maximalistic and minimalistic position. In: W. Abraham (ed.) Discourse particles. Descriptive and theoretical investigations on the logical, syntactic and pragmatic properties of discourse particles in German and English, 220-272. [Pragmatics & Beyond New Series, 12]. Amsterdam: Benjamins.
Abraham, Werner 1995.Wieso stehen nicht alle Modalpartikel in allen Satzformen? Deutsche Sprache 23/2: 124-146.
Abraham, Werner & Elisabeth Leiss (Hg.) 2008. Modalität. [Studien zur deutschen Grammatik 75]. Tübingen: Stauffenburg.
Bayer, Josef 1990. Modalpartikel zwischen Broca und Wernicke. Ms. RU Groningen.
Bråten, Stein (ed.) 2007. On being moved. From mirror neurons to empathy. [Advances in Consciousness Research 68]. Amsterdam: John Benjamins.
Stamenov, Maxim I. & Vittorio Gellese (eds.) 2002. Mirror neurons and the evolution of brain and language. [Advances in Consciousness Research 42]. Amsterdam: John Benjamins.

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