40 Jahre Partikelforschung/40 Years of Particle Research Bern, 11.-13. Februar 2009 Abstract |
||
Michael Schümann (Bern)
Der deutsche würde-Konjunktiv und der russische Partikel-Konjunktiv im Vergleich Harald Weydt hat nicht nur die Partikelforschung vorangebracht, er hat sich in jüngerer Zeit in Publikationen auch mehrfach mit dem Konjunktiv beschäftigt (Weydt 2000, Weydt demn.). Hauptanliegen dieser Aufsätze ist jeweils, von einer partikularisierenden Beschreibung der Konjunktive in Einzelsprachen Abstand zu nehmen und stattdessen über formale und funktionale Gemeinsamkeiten zu einer übereinzelsprachlichen Bestimmung der Konjunktiv-Bedeutung zu gelangen. Weydt zieht dabei Beispiele aus romanischen Sprachen, aus dem Deutschen und Englischen heran. Im Rahmen einer Partikel-Tagung erscheint es interessant, den Vergleich auch auf slavische Sprachen zu erweitern, in denen der Konjunktiv mithilfe einer Partikel ausgedrückt wird. Im modernen Russischen etwa ist der Konjunktiv eine analytische Verbform, die mithilfe der Partikel by (ursprünglich ein Aorist des Hilfsverbs byt’ ‚sein’) gebildet wird, z. B.: On sdelal by eto, jesli by on mog. ‘Er würde das tun, wenn er könnte.’ Das Beispiel und die deutsche Übersetzung zeigen bereits einerseits, dass Isačenkos (1982: 322f.) Aussage, der Funktion nach hätten der deutsche und der russische Konjunktiv nur wenig gemein, wenig überzeugend ist: hypothetische Konditionalstrukturen sind in beiden Sprachen eine Hauptfunktion des Konjunktivs. Zum anderen weist die deutsche Übersetzung bezeichnenderweise den Konjunktiv mit würde auf, der sich gegenwärtig – zumal in der gesprochenen Sprache – stark ausbreitet. Der Vortrag beleuchtet den deutschen und den russischen Konjunktiv näher unter dem Blickwinkel dieser Tendenz zur analytischen Bildung und untersucht, welche Faktoren für die Grammatikalisierung von Bedeutung waren. Auf Konditionalstrukturen als syntaktischem Kontext soll dabei das Hauptaugenmerk liegen. Für die deutsche würde-Konstruktion hat etwa Smirnova (2007) gezeigt, dass konditionale Folgerelationen für die Umdeutung des ingressiven Verbs werden zum Konjunktiv-Zeichen in würde + Inf. ein entscheidender Kontext waren. Auch im Russischen ist die Verwendung als Konditionalis eine Hauptfunktion. Darden (1997) nimmt an, dass der slavische Konjunktiv ausgehend vom indikativischen Perfekt gebildet wurde, das wie der heutige Konjunktiv mit dem l-Partizip und dem Kopulaverb gebildet werden konnte. Das Perfekt dient dem Ausdruck von Resultativität, und Resultativität kann wiederum leicht als Grund-von- bzw. Folge-von-Relation umgedeutet werden. Logisch entsprechen dem Konditionalstrukturen, wo die Apodosis ebenfalls als Folge der Protasis erscheint. Der Vortrag will den Konjunktiv im Deutschen und Russischen unter dem Blickwinkel des jeweiligen Grammatikalisierungsgrads betrachten. Die Dekategorialisierung (vgl. Hopper/Traugott 2003: 108) hat im Russischen aus einem Hilfsverb eine Modalpartikel gemacht, die Konjunktiv-Konstruktion ist weder hinsichtlich Person/Numerus noch hinsichtlich Tempus markiert. Die deutsche würde-Form ist davon noch weit entfernt, hier ist noch die Konkurrenzsituation zu synthetischen Bildungen prägend. Literatur
|
||
|