Tagung zum Thema Wortbildung /

Conference on word formation


Bern, 5. / 6. Februar 2014

Abstract:


This Fetzer
Universität Bern, Schweiz
Toponymische schweizerdeutsche Komposita: Vom nichttoponymischen Sprachgebrauch abweichende Wortakzentverhältnisse


Entsprechend der ursprünglichen germanisch-althochdeutschen Erstsilbenbetonung werden deutsche Nominalkomposita im Allgemeinen auf der ersten Silbe akzentuiert: Ein unmarkiertes Grundwort wird durch ein Bestimmungswort im Erstglied näher bestimmt und diese Zusatzinformation mittels Akzent verdeutlicht.
Im Neuhochdeutschen gilt in Abweichung von diesem Muster für komplexe Wörter neuerer Prägung (insbesondere Lehnwörter) Finalakzent (Betonung der letzten oder vorletzten Silbe), der teilweise auch auf den ererbten Wortschatz übertragen wurde (Holúnder, Wachólder, Forélle) und sogar onymische Komposita betrifft (Westfálen, Paderbórn, Brunhílde, Alemánnen). Im Schweizerdeutschen sind die ursprünglichen Akzentverhältnisse allerdings stärker erhalten: Hier heisst es Hólder, Wácholder; Forélle ersetzt als neuhochdeutsche Entlehnung älteres Fórene(n). Die genannten Toponyme können in der Schweiz auch als Wéstfalen und Páderborn bezeichnet werden. Brunhílde und Alemánnen sind als literarisch-gebildete Prägungen zu verstehen; zweigliedrige althochdeutsche Personennamen kommen im Schweizerdeutschen nur mit Erstsilbenbetonung vor (Róbert < Hruodberht bzw. in Siedlungsnamen Réisiswil < Richoldswil).
Umso auffallender ist daher die je nach Region grosse Anzahl toponymischer Komposita mit Hauptakzent auf dem Zweitglied. Nach Wiesinger sind Komposita mit Erstgliedbetonung als Reihungen mit Substantiven oder Verbalstämmen im Bestimmungswort zu verstehen (Héu-Berg, Schláf-Büel), solche mit Zweitgliedbetonung dagegen als ursprüngliche syntaktische Fügungen mit Adjektiven oder genitivischen Personennamen (*zuo dem schönen bérge > Schönenbérg). Erklärungsbedürftig bleiben bei dieser Theorie Toponyme wie Vórderberg, Bergwáld ebenso wie die Tatsache, dass manche Toponyme sogar von unterschiedlichen Gewährspersonen unterschiedlich betont werden.
Ein Vergleich von Toponymen aus verschiedenen Gegenden des Schweizer Kantons Bern soll helfen, Spuren einer Interpretation dieser Akzentverhältnisse zu finden: Im Einzelfall könnten solche Komposita Teil eines Namenclusters sein, der sich um einen Kernnamen im Bestimmungswort gruppiert. Die Markierung muss dann im Grundwort geschehen (Kerntoponym Bérg mit den umliegenden Toponymen Bergmátte, Bergwáld, Bergbách). Ähnlich vielleicht auch die Namen unterschiedlicher Besitztümer einer Person oder Familie (Meiersgáden, Meiersbíel). Diese Art von geografischer Clusterung tritt im nicht-onymischen Wortschatz naturgemäss nicht auf. Dass solche auffällig akzentuierten Namen in anderen Gegenden fehlen, könnte unter Umständen einen Hinweis auf die lokalen historischen Sprachverhältnisse geben: Manchenorts fand der Sprachwechsel vor zu kurzer Zeit statt, als dass solche Namengruppen hätten entstehen können.

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