Tagung zum Thema Wortbildung /

Conference on word formation


Bern, 5. / 6. Februar 2014

Abstract:


Jan-Henning Kromminga
Universität Bern, Schweiz
Akronyme im Terrorismus-Diskurs


Die Kurzwortbildung wird bisweilen noch als randständiger Bereich der Wortbildung behandelt (vgl. bspw. Bußmann 2008 im Lemma „Wortbildung“), erfährt aber angesichts der unzweifelhaften Zunahme von Kurzwörtern in verschiedenen Bereichen der deutschen Sprache (vgl. Eichinger 2000; Steinhauer 2000) wachsende Aufmerksamkeit (vgl. Bär/Roelke/Steinhauer 2007; Fleischer/Barz 2012; sowie zum Beginn der Kurzwortforschung: Kobler-Trill 1994).
Initialkurzwörter oder auch Akronyme, die zur Referenzialisierung spezifischer Personengruppen und Organisationen dienen, sind ein auffälliges und noch längst nicht erschöpfend erforschtes Phänomen. Diese finden sich – möglicherweise überraschend – auch im Terrorismus-Diskurs, genauer gesagt in deutschsprachigen Presseartikeln über Al-Qaida. Exemplarisch dazu:

(1) Anders als Deutschland ist Frankreich außerdem Zielscheibe mörderischer Attacken der maghrebinischen al-Qaida (AQIM). (Die Zeit, 13.01.2011)
(2) Vergangene Woche feuerte eine US-Drohne Raketen auf ein Fahrzeug, in dem wahrscheinlich Anwar al Awlaki saß, eine der gefährlichsten Figuren des islamistischen Terrors, nicht nur weil er zu Anführern der Vereinigung "Al Qaida auf der arabischen Halbinsel (AQAH)" zählt. […] Die USA werden wohl weiter versuchen, ihren Staatsbürger Anwar al Awlaki mit einem Drohnenangriff zu töten. Das würde vermutlich AQAH im Jemen selbst weniger treffen, das Chaos im Land nützt dem Terror. (Der Tagesspiegel, 13.05.2011)

Interessant in diesen Fällen ist die Varianz von Vollform und Akronym, respektive die Übersetzungen und Paraphrasen fremdsprachlicher Kürzungsgrundlagen. Die Einführung eines neuartigen Akronyms mithilfe der Vollform kann als sich etablierendes Gebrauchsmuster gedeutet werden, das nicht nur rezipientenseitig das Verständnis sichern soll, sondern auch zur Textkohärenz beiträgt (Kromminga 2007). Zugleich werden aber prototypische Vorzüge der Akronymverwendung wie die Sprachökonomie oder auch die prädikationsfreie Referenz (Bellmann 1980) eingeschränkt.
Aus der Perspektive der Diskursforschung ist relevant, wie die akronymischen Referenzausdrücke zur Konzeptualisierung von Al-Qaida und des islamistischen Terrorismus insgesamt beitragen, d.h. welche Perspektivierungen und Evaluierungen über sie vermittelt werden. Hierbei kann auf ein Korpus aus über 100.000 Pressetexten zu islamistischen Terrorismus zurückgegriffen werden, das im Rahmen des DFG-Projekts „Aktuelle Konzeptualisierungen von Terrorismus“ erstellt wurde (vgl. Schwarz-Friesel/Kromminga 2013). Literaturangaben: BÄR, J./ROELKE, T./STEINHAUER, A., (Hrsg.) 2007. Sprachliche Kürze. Konzeptuelle, strukturelle und pragmatische Aspekte. Berlin/New York: De Gruyter. BELLMANN, G., 1980. Zur Variation im Lexikon. In: Wirkendes Wort 30/1980. BUßMANN, H., (Hrsg.) 2008. Lexikon der Sprachwissenschaft, Stuttgart: Kröner Verlag. EICHINGER, L., 2000. Deutsche Wortbildung, Tübingen: Narr Studienbücher. FLEISCHER, W./BARZ, I., (unter Mitarbeit von M. SCHRÖDER) 2012. Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache, Berlin/New York: De Gruyter. 4., völlig neubearbeitete Auflage. KOBLER-TRILL, D., 1994. Das Kurzwort im Deutschen. Eine Untersuchung zu Definition, Typologie und Entwicklung, Tübingen: Niemeyer. KROMMINGA, J.-H., 2007. Kurzwörter im Text. Varianz und Kohärenz, Leipzig, unveröff. Magisterarbeit. STEINHAUER, A., 2000. Sprachökonomie durch Kurzwörter. Bildung und Verwendung in der Fachkommunikation, Tübingen: Narr. SCHWARZ-FRIESEL, M./KROMMINGA, J.-H., (Hrsg.) 2013. Metaphern der Gewalt. Konzeptualisierungen von Terrorismus in den Medien vor und nach 9/11, Tübingen: Narr.

zurück zur Vortragsliste/back to list of papers zurück zum Tagungsplan/back to schedule
zurück zur Startseite/home