Tagung zum Thema Wortbildung /

Conference on word formation


Bern, 5. / 6. Juni 2014

Abstract:


Thomas Franz Schneider
Universität Bern, Schweiz
Was tun, wenn ein Wort im Wörterbuch fehlt? Toponomastik und historische Wortbildungsanalyse am Beispiel der Deutschschweizer Rodungstermini Rüti, Ried, Grod, Rüd etc.


Die historische oder diachrone Ortsnamenforschung geht von der Annahme aus, dass Ortsbezeichnungen in der Regel auf einem appellativischen Kern beruhen, der zwar nicht immer auf den ersten Blick durchschaubar ist, aber mit dem Instrumentarium der historischen Linguistik freigelegt, ‚gedeutet‘, werden kann. Grundlegender und zugleich arbeitsintensivster Schritt auf dem Weg zur Deutung oder Etymologisierung eines Namen ist die Erstellung einer hinreichend vollständigen Belegreihe, von der ältesten greifbaren Form des Namens bis zur aktuellen mündlichen, durch Studium und Vergleich handschriftlicher und gedruckter Dokumente im Archiv und durch die Befragung ortskundiger Gewährspersonen im Gelände. Idealerweise entspricht dann der älteste aufgefundene Beleg eines Namens einem Appellativum oder einer Appellativverbindung innerhalb derjenigen historischen Sprachstufe, in der der Name geprägt wurde.
Der in der Deutschschweizer Toponymie sehr häufige Rodungsterminus Rüti f. ist eine Abstraktbildung zum Verb ahd. riuten swv. ‹roden, herausreissen›. Die zahlreichen damit gebildeten Orts- und Flurnamen dokumentieren den Ausbau der Siedlungs- und Landwirtschaftsfläche seit dem Hochmittelalter durch Rodung des Waldes. Als zugrunde liegende indoeuropäische Wortwurzel wird *reṷdh- ‹roden› angesetzt, deren Verbreitung aber beinahe ausschliesslich auf die germanische Sprachenfamilie beschränkt ist. Mit derselben Wurzel und Bedeutung zu verbinden und im Schweizerischen Idiotikon verzeichnet sind, neben Rüti f., schwzd. Ried n. und Grüt n. sowie die Ableitungen Rütel m. undRütele f., dann auch mit einiger Sicherheit, aber in Schweizerischen Idiotikon nicht aufgeführt, Grod n., Rüd n., Rüdle f., Rüdli n. und Reiti f. Im Sinne der eingangs beschriebenen Suche nach einem passenden Appellativum zur Deutung eines Toponyms stellt sich nun die Frage, ob Überlegungen zur historischen Wortbildung auf den morphologischen Ebenen der Stammbildung, der Suffigierung und der Präfigierung den fehlenden Lexikoneintrag ‚ersetzen‘ und damit die Deutung ermöglichen können.

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