Linguistik online1, 1/98

 
 
 


(Berlin)

Beobachtungen zum Kommentieren in Mailinglisten

Der folgende Artikel beschäftigt sich mit dem Phänomen des Zitierens in der E-Mail-Kommunikation. Der Einfluß des Zitierens auf die Art der Kommentierung soll dabei anhand des Beispiels einer E-Mail-Diskussion auf einer akademischen Mailingliste (Linguistik-LISTE) behandelt werden. Die Analyse eines Diskussionsausschnitts in Hinblick auf die dort auftretenden Kommentierungsarten wird auf der Grundlage von Roland Posners Theorie des Kommentierens (1980) exemplarisch durchgeführt.
 

1 E-Mail, News und Mailinglisten

E-Mail
(Electronic Mail) stellt den in Computernetzen verbreitetsten Kommunikationsdienst dar. Seine Funktionsweise ist von der herkömmlichen Briefpost inspiriert, nur, daß die Transportgeschwindigkeit der Nachrichten im Vergleich zu ihrem nicht-elektronischen Pendant konkurrenzlos hoch ist.

Das E-Mail-System bildet die Grundlage für die beiden Informationsdienste News und Mailinglisten.

News (oder auch NetNews genannt) sind das öffentliche Konferenzsystem des sogenannten USENET (USErNETwork), das kein Computernetzwerk im Hardware-technischen Sinne ist, sondern die Summe aller Rechner bezeichnet, von denen aus E-Mail-Nachrichten, -Mitteilungen und -Kommentare verschickt und empfangen werden (vgl. Lammarsch / Steenweg 1994:65f).

Der Kommunikationsdienst News ist in verschiedene Rubriken eingeteilt, Newsgroups genannt, an die die E-Mails gesendet (gepostet) werden können. Jeder Benutzer im Internet kann die Diskussionen in den Newsgroups mittels sogenannter Newsreader-Software verfolgen und Beiträge dazu liefern. Die Leser müssen die News aktiv vom Newsserver (der Rechner, der die Newsgroups verwaltet) anfordern, ihre Partizipation an den News-Diskussionsforen bleibt aber für die anderen Teilnehmer opak, solange sie keine eigenen Diskussionsbeiträge posten.

Mailinglisten stellen eine weitere Form eines E-Mail-basierten Kommunikationsdienstes dar: Sie sind themenspezifische Diskussionsforen, ähnlich den Newsgroups, mit dem Unterschied, daß die Teilnehmer eine solche Mailingliste explizit abonnieren müssen, indem sie eine E-Mail mit dem Schlüsselwort "Subscribe XY-List" an die Verwaltungsadresse der Liste schicken, wo sie automatisch von der Listserver-Software verarbeitet werden.

E-Mails, die Abonnenten der Liste an die Listenadresse senden, werden binnen weniger Sekunden bzw. Minuten (je nach Netzlast) allen Listenmitglieder gleichzeitig zugestellt. Im Grunde genommen handelt es sich bei Mailinglisten also um eine elektronische Form des Rundschreibens. Im Gegensatz zu den News ist für die Teilnahme keine spezielle Software erforderlich, die Mails werden frei Haus in die Mailboxen der Abonnenten geliefert. Durch das Abonnementverfahren ist die Netzidentität eines Listenteilnehmers (E-Mail-Adresse) sowohl für die Moderatoren (die für die Liste Verantwortlichen) als auch für die anderen Teilnehmer transparent.
 

2 Diskussionen in Mailinglisten

Der Aufbau einer Diskussion in einer Mailingliste hat gewisse Ähnlichkeit mit der Leserbriefkolumne einer Zeitschrift. Ausgangspunkt für die Diskussion stellt zumeist eine an die Liste gestellte Frage dar, auf die Listenmitglieder mit Antworten oder Kommentaren reagieren. Diese Reaktionen sind der öffentliche Teil der Diskussion, der durch private ergänzt sein kann, wenn Mails nicht an die Liste, sondern an den Adressaten der Ursprungsmail direkt gesendet werden.

Der Verlauf einer solchen Listen-Diskussion kann sehr komplex sein, da u.U. mehrere Diskussionen parallel geführt werden, so daß hierbei von multiple threads gesprochen werden kann (vgl. Black et al. 1983; Levin et al. 1990).

3 Posners Theorie des Kommentierens
Kommentieren beschreibt Posner (1980:2) als ein Kommunikationsverhaltensmuster, nämlich, auf die Rezeption einer Information mit einer Stellungnahme zu reagieren.

Unterschiede im Kommentierungsverhalten beruhen auf mindestens drei verschiedenen Faktoren:

Informationsdifferenzen zwischen Sprecher und Hörer,

Interessenlage des Hörers und

geistiger Aktivität des Hörers (cf. ibd.: 3f).

Verfügen Sprecher und Hörer über einen unterschiedlichen Informationsstand ein bestimmtes Thema betreffend, so ist die Anzahl der zu kommentierenden Äußerungen des Informanten im Allgemeinen größer als die Zahl seiner Kommentare zu Äußerungen seines Gesprächspartners. Posner (1980:3) nennt diese Variante Berichterstattung. Unterscheiden sich die Informationsstände der Gesprächspartner nicht, so hält sich die Anzahl der kommentierten Äußerungen zur Anzahl der Kommentare bei beiden im Gesprächsdurchschnitt die Waage.

Besteht beim Zuhörer ein großes Interesse an den Informationen des Informanten, zeichnet sich sein Gesprächsverhalten normalerweise durch eine große Zahl von Kommentare aus, während sich seine Kommentarfrequenz bei Desinteresse am untersten Rand des durch die Höflichkeit festgelegten Rahmens bewegt (vgl. Posner 1980:3).

Den Indikator für die geistige Aktivität des Zuhörers stellt die Formulierung seiner Kommentare dar: Entweder wird die vom Vorredner gelieferte Information in der gleichen Formulierung wiederholt bzw. situationsdeiktisch oder anaphorisch auf sie verwiesen, oder die Formulierung der Informationen erfolgt in eigenen Worten unter Herausstellung von Implikationen und/oder Verlagerung des Themenschwerpunktes.

Die erste Variante bezeichnet Posner (1980:5) als direkte, die zweite als indirekte Kommentare.

Direkte Kommentare halten sich bei der Formulierung der kommentierten Information genau an die Formulierung des Vorredners.

Wer sich auf die direkte Kommentierung zu den Äußerungen des Gesprächspartners beschränkt, ordnet sich dem fremden Informationsfluß bedingungslos unter. Er betrachtet zu jedem Zeitpunkt des Gesprächs das als relevant, worauf der Informant gerade das Hauptgewicht legt, und läßt seine Aufmerksamkeit in den Bahnen laufen, die der Informant vorzeichnet. Im Extremfall erwartet der Stellungnehmende nicht einmal eine Erwiderung auf seinen Kommentar. (Posner 1980:5)
Sie haben also im wesentlichen eine phatische Funktion. Die Leistung des Hörers bei der Integration der neuen Informationen ist für den Informaten opak, so daß er die Relevanz der Informationen für den Hörer nicht abschätzen kann, was bedeutet, daß er sich bei der Auswahl seiner Redestrategie nicht von diesem Kriterium leiten lassen kann (cf. ibd.: 5f).

Indirekte Kommentare unterscheiden sich bei der Formulierung der kommentierten Information völlig von der Originalformulierung des Vorredners. Der Kommentator kann die zu kommentierende Information frei wählen und ist dadurch in der Lage, unter Berücksichtigung der Informationen des Vorredners den Gesprächsverlauf zu verändern (cf. ibd.: 5).

Posner (1980:3ff) definiert drei Dialogtypen, die sich aufgrund des Kommentierungsverhaltens und des (potentiellen) Wechsels zwischen Informanten- und Kommentatorrolle der Gesprächsbeteiligten unterscheiden lassen: aktiver, reaktiver und direkter Dialog.
(1)
Dialogtyp: Rollenwechsel:

(Informant-Kommentator)

Kommentartyp:
aktiver Dialog ja indirekter Kommentar
reaktiver Dialog nein direkter Kommentar
direkter Dialog ja direkter Kommentar
Kommentare sind nach Posner (1980:23) "komplexe Informationen". Informationen lassen sich durch prädikatenlogische Formeln darstellen, also durch Formeln, die aus einem Prädikat und mindestens einem Argument (vgl. das Prädikat-Objekt-Konzept der natürlichen Sprachen) bestehen:
Definition 1 (Information) Jede Formel, die wahr oder falsch sein kann, repräsentiert eine Information. (Posner 1980:209)

Basierend auf dieser Annahme definiert er Kommentierung bzw. Kommentar wie folgt:

Definition 2 (Kommentierung / Kommentar) Gegeben sei eine Folge zweier Informationen, Fj und Fk. Tritt eine Teilinformation Fi von Fj in Fk als Argument auf, so nennen wir Fk "einen Kommentar von Fj" und Fi "das Kommentat". Fj bezeichnen wir als "Kommentandum" und die Folge (Fj, Fk) als "Kommentierung". Die Gesamtheit der Konstituente des Kommentars, die übrigbleibt, wenn man [das Kommentat] wegläßt, nennen wir "Kommentor". Der Vorgang der Hinzufügung eines Kommentars zu einem Kommentandum heißt "Stellungnahme" (Posner 1980:25).

Bei Definition 2 handelt es sich um eine semantische Definition des Begriffs Kommentierung. Posner erweitert seinen Gegenstandsbereich aber auch auf raumzeitliche Ereignisse und die Syntax natürlicher Sprachen:
 
 

Definition 3 (Kommentierung - raumzeitliche Definition) Reagiert jemand auf einen Verhaltenskomplex, der eine Information artikuliert, mit einem Verhaltenskomplex, der einen Kommentar dieser Information artikuliert, so bezeichnen wir diese Reaktion als Stellungnahme und die Folge der Verhaltenskomplexe als Kommentierung. (Posner 1980:28)

Definition 4 (Kommentierung - syntaktische Definition) Ein geordnetes Paar zweier Sätze der natürlichen Sprache soll "Kommentierung" heißen, wenn der erste Satz in Standardsituationen ein Kommentandum und der zweite Satz einen Kommentar repräsentiert. Den ersten Satz nennen wir "Kommentandumsatz" und den zweiten "Kommentarsatz" (Posner 1980:29).

Darüber hinaus zählt er mimische, gestische und paralinguistische Ausdrucksmittel zu den Medien der Stellungnahme (cf. ibd.: 28).
Neben den semantischen Information liefert jeder Satz einer natürlichen Sprache (der nicht Konstituente eines anderen Satzes ist) immer auch pragmatische Informationen, "Gebrauchsanweisungen" (Posner 1980:30) für die Verwendung der semantischen Informationen (Behauptung, Aufforderung, Frage etc.):
Definition 5 (Semantische Information) In Standardsituationen geäußert, verweist jeder wohlgeformte Ausdruck ... auf bestimmte Sachverhalte, deren Existenz vom Gelingen der Kommunikation mit Hilfe dieses Ausdrucks unabhängig ist - Informationen dieser Art nennen wir "semantische Informationen" (Posner 1980:15)

Definition 6 (Pragmatische Informationen) Die Gesamtheit der Ziele des Sprechers und Zustandsänderungen des Hörers, deren Verwirklichung für das Zustandekommen der Kommunikation notwendig und hinreichend ist, nennen wir "pragmatisch". Alle von einem sprachlichen Ausdruck signalisierten Informationen, die sich auf derartige Ziele und Effekte beziehen, heißen "pragmatische Informationen" (Posner 1980:15).

Definition 7 (Lokution / Illokution) Die Gesamtheit der semantischen Informationen eines gegebenen Satzes bezeichnen wir als die "Lokution" dieses Satzes. Die Gesamtheit der pragmatischen Informationen, die angeben, was mit der Lokution als ganzer in der Kommunikation geschieht, nennen wir "Illokution". Die Illokution charakterisiert, was jemand, der einen Satz äußert, tut, indem er ihn äußert. Die Äußerung der Illokution nennen wir "Illokutionsakt" (Posner 1980:32).

Grundsätzlich sind sowohl semantische als auch pragmatische Informationen eines Satzes kommentierbar, da, wie Posner (1980:39) zeigt, jede pragmatische Information auch semantisch verwendet werden kann:

(2a) Peter, hol das Bier!

(2b) Daß du Peter aufforderst, daß er das Bier holt, ist unverschämt.

(Beispiel aus Posner 1980:39)

Ob eine Kommentierung vorliegt oder nicht, läßt sich anhand der Oberflächenstrukturen einer Satzfolge allerdings eindeutig nur in den Fällen entscheiden, bei denen die zu kommentierende Information explizit formuliert ist:

Definition 8 (Explizite Information) Eine Information kann in einem Satz explizit oder implizit formuliert sein. Explizit ist sie gegeben, wenn sie durch lexikalisches Material repräsentiert wird, das in der Oberflächenstruktur des betreffenden Satzes einen eigenen Teilsatz bildet. (Posner 1980:33)

Die Identifikation als Kommentierung beruht dabei auf dem Auftreten der zu kommentierenden Information als daß-Komplement im Kommentarsatz. Diese Erkennungsmöglichkeit unterliegt jedoch einer Bedingung: abgesehen vom Rollenwechsel von Sprecher und Hörer müssen die Umstände der Kommunikationssituation invariant bleiben. Das folgende Beispiel (aus Posner 1980: 41) stellt daher keine Kommentierung dar:

(3a) (Vater zu Peter) Peter, hol das Bier!

(3b) (Mutter zum Vater) Daß Peter das Bier holt, ist brav von ihm.

Die Aufforderung des Vaters an Peter impliziert nicht, daß Peter sie auch befolgt. Die Äußerung der Mutter impliziert die Befolgung jedoch. Das daß-Komplement des zweiten Satzes enthält weder explizit noch implizit eine Teilinformation aus dem ersten Satz (cf. ibd.: 41).
Man betrachte nun den folgenden Beispielsatz:
(4a) Das Mädchen kam schließlich zu einer Frau, die es durch das Ausschütteln ihrer Betten immer auf der Erde schneien läßt.

(4b) Daß das Mädchen zu Frau Holle kam, überraschte die Kinder.

(Posner 1980:42)

Diese Satzfolge ist nur aufgrund der Kenntnis des Märchens als Kommentierung zu verstehen. Es müssen also Zusatzinformationen herangezogen werden, die nicht im Kommentandumsatz enthalten sind. Derartige Satzfolgen bezeichnet Posner als kontextuelle Kommentierungen:
Definition 9 (Kontextuelle Kommentierung) Das Kommentat folgt unter Zuhilfenahme einer Zusatzinformation aus einer Teilinformation des Kommentandumsatzes. (Posner 1980:45f)

Definition 10 (Textuelle Kommentierung) Das Kommentat ist identisch mit einer Teilinformation des Kommentandumsatzes. (Posner 1980:45f)

Textuelle Kommentierungen lassen sich also als Kommentierungen kontextfrei anhand ihrer sprachlichen Form identifizieren. Im Gegensatz dazu hängt

... die Entscheidung, ob eine gegebene Satzfolge als kontextuelle Kommentierung anzusehen ist, ... von sprachfremden Kenntnissen der Kommunikationspartner ab... (Posner 1980:46).
Zusätzlich zu dieser semantischen Unterscheidung der Kommentierungstypen nach der zur Kommentierung jeweils verwendeten Information differenziert Posner bei den textuellen Kommentierungen die verwendeten Informationen nach pragmatischen Gesichtspunkten:

Definition 11a (Illokutionskommentierung) Das Kommentat ist eine Teilinformation der Illokution des Kommentandums. (Posner 1980:45f)

Definition 11b (Lokutionskommentierung) Das Kommentat ist eine Teilinformation der Lokution des Kommentandums. (Posner 1980:45f)

Daraus folgt, daß jede Information im Kommentandumsatz kommentierbar ist. Für den Kommentarsatz schränkt Posner (1980:44f) jedoch ein, daß die Kommentarinformation explizit formuliert sein müsse und nur behauptend verwendet werden dürfe. (1) Er definiert daher den Begriff Sprachliche Kommentierung wie folgt:

Definition 12 (Sprachliche Kommentierung) Eine Kommentierung, für die gilt:

1. Kommentandum und Kommentar treten als Illokutionen auf,

2. Kommentat und Kommentor treten in der Lokution des Kommentars auf,

3. der Illokutor des Kommentars ist ein Deklarator,

bezeichnen wir als "sprachliche Kommentierung". (Posner 1980:209f)

Da es aber unmöglich ist, alle in einem selbständigen Satz enthaltenen Informationen gleichzeitig zu kommentieren, ist jede Kommentierung selektiv. Bei der expliziten Formulierung des Kommentats im Kommentarsatz ist eine Möglichkeit für Posner von besonderer Bedeutung, nämlich die Wiederholung des gesamten Satzes als Kommentatsatz. Der Kommentatsatz ist aber im Gegensatz zum Kommentandumsatz kein selbständiger Satz, so daß es sich nicht um eine identische Kopie des Originalsatzes handeln kann. Jedoch lassen sich Bedingungen formulieren, die von der Struktur des Kommentatsatzes eingehalten werden müssen:

1. Beibehaltung der Lexeme und Morpheme bis auf die Substitution referenzgleicher Indexausdrücke;

2. Beibehaltung der Satzgliedfolge bis auf die Permutation, die die Nebensatzstellung erfordert;

3. Beibehaltung der Betonungs- und Phrasierungsverhältnisse ...

(Posner 1980:48)

Welche Information als Kommentat im Kommentarsatz erscheint, hängt einerseits von der Oberflächenstruktur des Kommentandumsatzes, andererseits vom verwendeten Kommentor, genauer gesagt, von dessen Selektionsbeschränkungen ab (cf. ibd.: 50).

Definition 13 (Selektionsbeschränkter Kommentor) Allgemein wollen wir jeden Kommentor als selektionsbeschränkt betrachten, dessen Kommentat bei gleichem Kommentatsatz weniger Informationen enthält als das Kommentat eines anderen Kommentors. Ein Kommentor ist dann selektionsfrei, wenn es keinen anderen Kommentor gibt, dessen Kommentat bei identischem Kommentatsatz mehr Informationen enthält (Posner 1980:52).

Ausgehend von diesem theoretischen Fundament differenziert Posner zwei Typen textueller Kommentierungen nach syntaktischen Kriterien:

Definition 14 (Direkte Kommentierung) Eine Kommentierung ist eine direkte Kommentierung, wenn
1. der Kommentarsatz den gesamten Kommentandumsatz als daß-Komplement wiederholt oder durch die Prosatzform das auf ihn zurückverweist und wenn

2. der Kommentor selektionsfrei ist. (Posner 1980:53)

Definition 15 (Indirekte Kommentierung) In indirekten Kommentierungen dagegen ist entweder der Kommentor selektionsbeschränkt, oder der Kommentarsatz formuliert nur eine Teilinformation des Kommentandumsatzes neu (oder beides gilt).(2)
(5) Kommentierungstypologie
Posner (1980:56f) weist allerdings darauf hin, daß es bisher keine formale Möglichkeit gibt, um indirekte Kommentierungen von kontextuellen zu unterscheiden:
Ist nichts über die situativen Umstände und die Kommunikationspartner bekannt, so ist es also gegenwärtig nicht entscheidbar, ob eine gegebene Satzfolge als indirekte Kommentierung zu interpretieren ist, ob sie als kontextuelle Kommentierung verstanden werden kann, oder ob sie überhaupt keine Kommentierung darstellt; es gibt daher auch kein strenges Kriterium für die Entscheidung, ob der zweite Satz ein Kommentat enthält, und wenn, ob dieses Kommentat voll im Kommentandumsatz enthalten ist oder nur mit Hilfe von Zusatzinformationen aus ihm gefolgert werden kann. (Posner 1980:57)
Zur Illustration gibt er die folgenden Beispiele:
(6i) A: Peter ist schließlich doch in das Studentenheim aufgenommen worden und hat schon mit dem Studium begonnen.

(6i) B: Daß Peter jetzt studiert, ist erfreulich. [indirekte Kommentierung]

(6ii) A: Peter ist schließlich doch in das Studentenheim aufgenommen worden.

(6ii) B: Daß Peter jetzt studiert, ist erfreulich.

(6iii) A: Peter hat sich gestern an der Freien Universität einschreiben lassen.

(6iii) B: Daß Peter jetzt studiert, ist erfreulich.

(6iv) A: Peter ist krank.

(6iv) B: Daß Peter jetzt studiert, ist erfreulich.

(Posner 1980:57, Fußnote 27)


4 Kommentierungsanalyse einer Mailinglistendiskussion

Bei der Analyse von E-Mail-gestützter Kommunikation, insbesondere in Newsgroup- und Mailinglistendiskussionen, ist das Zitieren ganzer Textpassagen aus den Mails anderer Teilnehmer extrem häufig zu beobachten. Dies ist ein Charakteristikum der E-Mail-Kommunikation, das in dieser Form bzw. in diesem Ausmaß in Briefen nicht zu finden ist. Die Häufigkeit dieses Phänomens hat einerseits sicherlich mit den technischen Möglichkeiten zu tun, die moderne Mailprogramme dem Benutzer bieten: Bei Anwendung des Reply-Befehls kopiert der überwiegenden Teil der Mailsoftware automatisch den Inhalt der zu beantwortenden Mail (visuell ausgezeichnet) in die Antwort-Mail. Der Verfasser der Antwort-Mail kann dann dieses Zitat an beliebigen Stellen durch Einfügen von Absätzen unterbrechen und mit seinen eigenen Kommentaren zu diesen Textpassagen füllen.

Andererseits ginge der Bezug von Kommentaren innerhalb einer regen E-Mail-Diskussion auf einer Maillingliste ohne Zuhilfenahme von direkten Zitaten aufgrund der hohen Nachrichtenfrequenz und Teilnehmerzahl für die Teilnehmer sehr leicht verloren.

Darüber hinaus ist zu beachten, daß E-Mail, Newsgroups und Mailinglisten ursprünglich ausschließlich von Wissenschaftlern genutzt wurden. Auch heute ist der Anteil der wissenschaftlichen Kommunikation in diesen Bereichen noch sehr hoch. Aufgrund der Bedeutung des Zitierens beim wissenschaftlichen Arbeiten ist es daher nicht verwunderlich, daß die überwiegende Zahl der Postings in den Mailinglisten mehr oder weniger exzessiv vom Zitieren Gebrauch macht. Ich vermute, daß der Ursprung der E-Mail-Kommunikation als Medium des wissenschaftlichen Diskurses ihre heutige Ausprägung entscheidend geprägt hat.

Das Zitierphänomen könnte auch der Grund dafür sein, daß direkte Kommentierungen im Sinne von Posner (1980) in der E-Mail-Kommunikation relativ selten anzutreffen sind. Wenn sie auftreten, dann ausschließlich unter Verwendung der Prosatzform das.

Im Gegensatz dazu sind situationsdeiktischer und anaphorischer Bezug in Kommentarsätzen recht häufig zu finden, ohne hier quantifizieren zu wollen. Geht man streng nach Posners Definitionen vor, so ist der überwiegende Teil der Kommentierungen indirekt bzw. kontextuell. Man betrachte dazu das folgende Beispiel (3):

(7)

Hallo, Linguisten,

EHJ>Wie dekliniert man Adjektive nach _manch-_, insbesondere im EHJ>Plural?

EHJ>Hintergrund der Frage: in den Lehrbuechern steht, dass man die

EHJ>starke Deklination benutzt. Ich empfinde solche Formen wie EHJ>_manche

EHJ>alte Leute_ oder _manche erfolglose Unternehmer_ aber als eher

EHJ>befremdend

Dem kann ich nur zustimmen.

[...]

 
Der zitierte Textabschnitt (markiert durch EHJ> am Zeilenbeginn) besteht zwar aus mehreren Sätzen, doch bezieht sich der Kommentarsatz ("Dem kann ich nur zustimmen") nur auf den letzten Satz ("Ich empfinde solche Formen wie_manche alte Leute_ oder _manche erfolglose Unternehmer_ aber als eher befremdend"). Hierbei handelt es sich also offensichtlich um eine direkte Kommentierung, denn der Kommentarsatz verweist durch die Prosatzform dem auf den Kommentandumsatz zurück und der Kommentor ist selektionsfrei.

Betrachten wir nun ein zweites Beispiel:

(8)

HH wrote:

> ceterum:

> EHJ>KollegInnen

> Es sollte sich zumindest in Fachkreisen herumgesprochen haben, dass > im Deutschen regelmaessig die "unmarkierte" Form maennlich von

> weiblich nicht unterscheidet, also unspezifiziert ist, wogegen die

> "ausschliesslich weiblich" ausdrueckende Form dann markiert ist.

> Dass also "Kollegen" nur Maenner seien, ist nicht Aussage der

> Sprachform/Grammatik, sondern Unterstellung.

Herr Kalverkaemper, sind Sie das? ;))) Mit Ihrem Diskussionsbeitrag von 1979? :))))

*seufz*....

Da die Literaturliste wirklich zu lang wuerde, empfehle ich nur einen Forschungsbericht. Einen guten Ueberblick ueber den Forschungsstand wie auch den Diskussionsverlauf der letzten 20 Jahre gibt:

Frank, Karsta (1992): _Sprachgewalt: Die sprachliche Reproduktion der Geschlechterhierarchie_. Tuebingen: Niemeyer (= RGL 130).
 
 

Viele Gruesse,

EH

In diesem Fall muß man anstatt von einem Kommentandumsatz von einem Komentandumtext sprechen, da sich der Kommentar auf die gesamte zitierte Äußerung (hier durch > gekennzeichnet) bezieht. Das gleiche gilt für den Kommentar: Auch er besteht aus mehreren Kommentarsätzen, die einen Kommentartext bilden.

Der ironische Kommentar bezieht sich einerseits auf die Inaktualität des Arguments und andererseits auf dessen Ähnlichkeit mit der Argumentation einer anderen Person. Darüber hinaus wird onomatopoetisch der Unmut über die Argumentation geäußert (*seufz*). Bei der Kommentierung wird eine Zusatzinformationen genutzt, die indirekt aus dem Kommentandumtext hervorgeht, nämlich die Identitätbeziehung zwischen der Argumentation im Kommentandumtext und der Argumentation von Kalverkämper aus dem Jahre 1979. Diese Zusatzinformation muß durch den Vergleich der beiden Argumentationen erst erzeugt werden. Kommentiert wird eigentlich nicht die Information, die im Kommentandumtext enthalten ist, sondern eine Metainformation (das Dejavu der Kommentatorin, in etwa zu umschreiben mit: "Das erinnert mich an den uralten Diskussionsbeitrag von Kalverkämper"). Daher entspricht diese Textfolge einer kontextuellen Kommentierung nach Definition 9. Die Grenzen zwischen Kommentat und Kommentor sind jedoch unscharf: Bei der Satzfolge "Herr Kalverkaemper, sind Sie das? ;))) Mit Ihrem Diskussionsbeitrag von 1979? :))))" muß man davon ausgehen, daß sich Kommentat und Kommentor hier decken bzw. daß die Ironie dieser Sätze den Kommentor darstellt.

(9)

>Frank, Karsta (1992): _Sprachgewalt: Die sprachliche Reproduktion >der Geschlechterhierarchie_. Tuebingen: Niemeyer (= RGL 130).

>Viele Gruesse,

>EH

Seufz in der Tat. Von dem Titel alleine bekommt man ja schon einen Eindruck aus welcher ideologischen Ecke das kommt. Bald kann man dann ja wohl auch in Deutschland Politische Korrekte Forderungen hoeren, wie das "History" in "Herstory" umgewandelt werden sollte...

-- RR

Bei diesem Beispiel handelt es sich auch um einen kontextuellen Kommentar, der der Autorin eines Forschungsberichtes ihre angebliche politische Gesinnung vorhält. Die unterstellte politische Richtung wird aufgrund des Wortlauts des Buchtitel ihrer Veröffentlichung angenommen.
(10)

RR wrote:

> > Frank, Karsta (1992): _Sprachgewalt: Die sprachliche Reproduktion > > der Geschlechterhierarchie_. Tuebingen: Niemeyer (= RGL 130).

>

> Seufz in der Tat. Von dem Titel alleine bekommt man ja schon einen

> Eindruck aus welcher ideologischen Ecke das kommt. Bald kann man

> dann ja wohl auch in Deutschland Politische Korrekte Forderungen

> hoeren, wie das "History" in "Herstory" umgewandelt werden

> sollte...

Wie waer's mit: erst lesen, dann kommentieren?

[...]
 
 

Der Kommentarsatz bei diesem Beispiel kommentiert die allein auf der Sichtung des Buchtitels beruhende Abqualifizierung des Forschungsberichtes ohne Lektüre des Buches selbst. Die Information, daß die kommentierte negative Bewertung auf einer Unkenntnis des Buchinhalts beruht, kann dabei nur indirekt aus der Formulierung "Von dem Titel allein bekommt man ja schon einen Eindruck ..." und der eigenen Kenntnis des Buchinhalts von der Kommentatorin geschlossen worden sein. Wir haben es hier also wieder mit einer kontextuellen Kommentierung zu tun.
Dieses Beispiel veranschaulicht auch das Phänomen der eingebetteten Zitate (jede Einbettungsebene ist durch jeweils ein <-Symbol am Zeilenanfang gekennzeichnet), daß, ebenso wie das einfache Zitieren, für E-Mail-Diskussionen sehr charakteristisch ist.
(11)

EH:

>Wie waer's mit: erst lesen, dann kommentieren?

Den Rat kannst Du Dir ja selber geben, anstelle den Beitrag eines anderen Korrespondenten zu verspotten und auf Dein "Sprachgewalt..."Buch zu verweisen...

[...]

Diese Textfolge kann man als Illokutionskommentierung beschreiben, da hier nur eine Teilinformation des Kommentandumsatzes neu formuliert wird, bei der es sich in diesem Fall um die Illokution des Kommentandumsatzes handelt, nämlich die Tatsache, daß der Satz einen Ratschlag darstellt (das kritisierte Buch doch erst zu lesen bevor man es kommentiert).
(12)

RR wrote:

>

> EH:

> > Wie waer's mit: erst lesen, dann kommentieren?

>

> Den Rat kannst Du Dir ja selber geben, anstelle den Beitrag eines

> anderen Korrespondenten zu verspotten und auf Dein

> "Sprachgewalt..." Buch zu verweisen...

>

> > Die Kollegin hat derartige beleidigende Unterstellungen nun

> > wirklich nicht verdient, und auch als Buhfrau, auf die man seine

> > PC-Aengste

>

> Buhfrau... hahaha. Nein, ehrlich, der Titel zeigt ja schon, was in

> dem Buch "bewiesen" werden soll und nimmt die Schlussfolgerung ja

> schon vorweg. Das ist eine Lektuere, die ich mir wirklich sparen

> kann.

>

> Frau-ometer, wie die Politische Korrektheit zu Hause eingeschlagen

> hat, ist schon beeindruckend. Ich bin jedenfalls froh, dass ich

> hier weit weg vom Schuss im Fernen Osten sitze. :-)
 
 

oops!! bin ich hier auf alt.flame gelandet?

[...]

Und warum ist es "verspotten", jemanden auf eine 20jaehrige Diskussion hinzuweisen und einen Forschungsbericht dazu zu empfehlen, der in offensichtlicher Unkenntnis des Diskussionsstandes mit dem Hinweis "Es sollte sich zumindest in Fachkreisen herumgesprochen haben" zu einer Belehrung anhebt? Quod licet Iovi...-Prinzip?

[...]

Beim ersten Satz handelt es sich um einen kontextuellen Kommentar, den man nur unter Zuhilfenahme von Zusatzinformationen als solchen identifizieren kann: Die Heftigkeit der Bemerkungen des Kommunikationspartners veranlaßt die Kommentatorin, diese als flaming aufzufassen, einer in Newsgroups sehr verbreiteten Unsitte, negative Kommentare in stark polemischer bis beleidigender Form zu posten. Besonders berüchtigt sind in dieser Hinsicht die Teilnehmer der Newsgroup-Sparte mit dem Präfix alt.*. Die Kommentatorin fühlt sich offenbar unwillkürlich in eine (nicht-exisistente) Newsgroup für Flamingfanatiker versetzt und kommentiert so den inakzeptabel beleidigenden Kommunikationsstil ihres Kommunikationspartners.

Der zweite Kommentartext ist ein indirekter Kommentar, der die Teilinformation im Kommentandumsatz aufgreift, die Kommentatorin habe ein anderen Diskussionsteilnehmer "verspottet". Der Kommentar ist hier in Form einer rhetorischen Frage verfaßt. (4)

(13)

Guten Tag,

[...]

Den Hinweis von EH auf einen Forschungsbericht finde ich sehr hilfreich, gerade auch, weil ich mich (wie viele andere hier vielleicht auch?), nie _intensiver_ mit diesem Thema beschaeftigt habe.

Selbst wer vom logisch-semantischen Standpunkt aus argumentierend darauf hinweist, dass es sich bei Ausdruecken wie "man" oder "Goettingen hat 120.000 _Einwohner_." um inhaltlich unspezifische Ausdruecke handelt, wird die Frage beantworten muessen, wie es dazu kam, dass eben genau diese Form gewaehlt wurde und keine andere.

Und das koennte doch schon eine ausgesprochen interessante Diskussion ergeben, oder?

Tschues,

JB

Der erste Absatz des Kommentars stellt einen Illokutionskommentar dar, der sich auf die Illokution der bibliographischen Angabe im Beispiel 8 bezieht und diese als "Hinweis" identifiziert. Der letzten Satz dieser Kommentarfolge ist ein direkter Kommentar, als rhetorische Frage formuliert, der den vorangegangenen zweiten Absatz kommentiert. Man könnte ihn also als eine Art reflexiven Kommentar bezeichnen.
 
5 Schlußbemerkungen
Die Analyse dieses Ausschnitts aus einer Diskussion auf einer linguistischen Mailingliste zeigt, daß man die Zitate in den Mails als Kommentandumsätze auffassen muß. Es scheint angebracht, Posners Theorie von Satzfolgen auf Textfolgen zu erweitern, um Kommentierungen adäquat erfassen zu können.

Der Einsatz von Zitaten in der E-Mail-Diskussion ermöglicht den Teilnehmern, eindeutige Bezüge zu spezifischen Äußerungsteilen ihrer Diskussionspartner herzustellen, ohne auf das Mittel der direkten Kommentierung angewiesen zu sein, welches in performativer Hinsicht ohnehin als suboptimal zu betrachten ist. Die extrem geringe Frequenz der daß-Satz-Variante direkter Kommentierungen in natürlichen oralen Kommunikationssituationen unterstützt diese Bewertung.

Nichtsdestoweniger sind direkte Kommentierungen, die die Prosatzform verwenden, durchaus anzutreffen, was nicht verwundert, wenn man die phatische Funktion solcher Kommentierungen in Betracht zieht. Ich gebe jedoch zu bedenken, daß sich die meisten Kommentare nicht in einer derartigen Formulierung erschöpfen, sondern durch weitere Kommentarsätze ergänzt werden, die die Meinung des Kommentators detaillierter wiedergeben. Man kann hierbei dann nicht mehr von einer direkten Kommentierung nach Posnerscher Definition sprechen.

Aus Sicht der pragmatischen Klassifikation ist zu beobachten, daß die Mehrzahl der direkten Kommentierungen Illokutionskommentierungen sind, was ebenfalls wenig erstaunt, da die Illokution des Kommentandums in den Zitaten nicht explizit enthalten ist. Möchte man also die Illokution eines Diskussionsbeitrags kommentieren, muß man dies direkt tun.

Wie bereits oben erwähnt ist die Mehrzahl der Kommentierungen kontextueller Natur. Auf den ersten Blick ist diese Tatsache erstaunlich, wenn man bedenkt, daß zur Interpretation solcher Kommentare kultur- und/oder gruppenspezifische Kontextinformationen erforderlich sind, von denen man annehmen muß, daß sie nicht von allen Diskussionsteilnehmer aus ihrem Weltwissen hergeleitet werden können. Dieses Argument beachtet allerdings nicht, daß es sich bei den Mailinglisten um ein Instrument der Gruppenbildung handelt: Sowohl Mailinglisten als auch Newsgroups sind thematisch fixiert. Die Abonnenten bilden eine Gruppe, deren Gemeinsamkeit das Interesse an einem bestimmten Thema ist, sei es nun Linguistik, Computertechnik, Sport, Politik oder etwas anderes. Der Verhaltenskodex für Mail-Kommunikation ist in Form der Netiquette implementiert. Verstöße dagegen werden mit "gesellschaftlichen Sanktionen" geahndet. Die Mitglieder einer Mailingliste oder Newsgroup haben also mindestens gruppenspezifische Kontextinformationen, auf die sie bei der Interpretation von Kommentaren zurückgreifen können.
 
 

Mit meiner Kommentierungsanalyse dieses Ausschnitts aus einer Mailinglistendiskussion habe ich versucht, das Zitierphänomen, daß ich als ein Charakteristikum der computer-gestützten Kommunikation via E-Mail ansehe, im Kontext von Posners Kommentierungstheorie zu beleuchten und seinen Einfluß auf die Kommentierung zu diskutieren. Dabei habe ich mich auf E-Mail-Diskussionen in einer akademischen Mailingliste beschränkt. Für weitergehende Forschungen ist es notwendig, qualitative und quantitative Studien zum Kommentieren und Zitieren in Mailinglisten und Newsgroups zu vergleichen. Es ist nämlich durchaus möglich, daß die übersichtlichere Darstellung durch die Newsreader-Software und die längere Verfügbarkeit der Diskussionsbeiträge im USENET Einflüsse auf das Zitier- und Kommentierungsverhalten der Benutzer haben könnte.
 
 

Anmerkungen:

(1Posner  möchte den Kommentierungsbegriff "aus Adäquatheitsgründen nur auf solche Satzfolgen anwenden, bei denen der zweite Satz eine Behauptung wiedergibt" (Posner1980:44).

(2) Sowohl direkte als auch indirekte Kommentierungen sind per definitionem textuelle Kommentierungen. Jede textuelle Kommentierung ist entweder eine direkte oder eine indirekte Kommentierung (Posner 1980:53).

(3) Dieses und alle folgenden Beispiele sind einer E-Mail-Diskussion entnommen, die auf der linguistischen Mailingliste Linguistik-LISTE zwischen dem 31.05.97 und dem 12.06.97 unter dem Subject "in Fachkreisen" bzw. "Re: in Fachkreisen" geführt wurde. Die Namen der Diskussionsteilnehmer wurden für diesen Aufsatz anonymisiert. An der Diskussion nahmen neun Personen teil, die insgesamt 27 Mails posteten. Ausgangspunkt der Diskussion war eine Mail mit einer Anfrage an die deutschen Muttersprachler auf der Liste bezüglich der Adjektivdeklination nach manch- , die in der Anrede die Formulierung "KollegInnen" enthielt.

(4) Streng genommen dürfte man nach Posner (1980) diese Beispiele nicht als Kommentare auffassen, da die Illokutoren der Kommentare keine Deklaratoren sind (vgl. Definition 12). Diese Einschränkung halte ich jedoch für zu stark.

 
Literaturverzeichnis:

Black, Steven D. / Levin, James A. / Mehan, Hugh / Quinn, Clark N. (1983): "Real and Non-real Time Interaction: Unraveling Multiple Threads of Discourse." In: Discourse Processes 6: 59-75.

Lammarsch, Joachim / Steenweg, Helge (1994): Internet & Co - Elektronische Fachkommunikation auf akademischen Netzen. Bonn etc.

Levin, James A. / Kim, Haesun / Riel, Margaret M. (1990): "Analyzing Instructions on Electronic Message Networks. In: Harasim, Linda M. (ed.) (1990): Online Education - Perspectives on a New Environment. New York etc.: .

Posner, Roland (21980): Theorie des Kommentierens - Eine Grundlagenstudie zur Semantik und Pragmatik. Wiesbaden. (1. Auflage 1972).